Lagerkoller? Was ist das denn? Wenn schon von offizieller Seite geleugnet wird, dass bei Mannschaften ab dem Viertelfinale einer WM Stänkereien ausbrechen, dann gilt das natürlich auch für die Journalisten-WG, in der ich die Zeit in Südafrika verbringe.
Ich wohne mit acht Kollegen von Regionalzeitungen aus Deutschland zusammen. Jeder hat natürlich ein Einzelzimmer. Morgens wird gemeinsam gefrühstückt, dann wird abgesprochen, wer wo hingeht und wie die vier Autos, die uns zur Verfügung stehen, aufgeteilt werden. Tatsächlich hat das bisher bestens funktioniert, ohne Streit, ohne Probleme. Das ist eher ungewöhnlich für eine zum Teil zufällig zusammen gekommene Gruppe von Menschen.
Wenn es die Zeit zulässt und der Last-Order-Gongschlag im „Dros“, einer Kneipe in der Nähe, noch nicht ertönt ist, gibt es noch ein Bier, ein Mineralwasser, eine Mahlzeit.
In den nächsten Tagen wird es jedoch etwas ruhiger zugehen in unserer WG. Die meisten Kollegen fliegen nach Kapstadt zum Spiel der deutschen Mannschaft. Da ich mich um den „Rest“ der WM kümmere, während sich mein Kollege Gerold Knehr jeden Tag mit dem DFB-Team beschäftigt, bleibe ich hier und gehe zu den zwei Viertelfinalpartien in Johannesburg – keine schlechte Alternative.
Eine richtige Einstimmung gibt es heute Abend. Da hat uns die Handelskammer Johannesburg eingeladen zu einem Bierabend.
Wer wie ich in den 90er Jahren die ersten One-Person- oder Ego-Shooter (heute: Killerspiele) ausprobiert hat, kam nicht an Doom von idsoftware vorbei. Damals war diese Art von – sagen wir mal “special interest Software” noch nicht tabuisiert und viele meiner KommilitonInnen waren vom Wolfenstein- und Doom-Virus infiziert.
Anlässlich der Großveranstaltung 2010 FIFA WORLD CUP SOUTH AFRICA sind noch viel heftigere, menschenverachtendere Spielarten enstanden, bei denen das Wort Killerspiel noch untertrieben erscheint.
Wir sind etwas angefressen. In Brasilien, dem Land unseres potentiellen Finalgegners, lacht man über den deutschen Bundestrainer Joachim Löw. „Globo“, der größte TV-Sender Brasiliens, habe den sichtlich nervösen Coach gezeigt, wie er am Sonntag während des Spiels gegen England auf der Trainerbank intensiv mit dem Zeigefinger in der Nase bohrte, vermeldete die Deutsche Presse-Agentur (dpa) leicht süffisant. Mehr noch: “In der Bildsequenz, die zweimal vor einem geschätzten Millionen-Publikum wiederholt wurde, führte Löw das Ergebnis seiner „Bohrung“ nach einem kurzen Seitenblick zu seinem Assistenten Hansi Flick anschließend zum Mund.”
Was soll die Aufregung? Es handelt sich hierbei um ein völlig verständliches, högschd menschliches Verhalten des Stress-Abbaus. In der (Sport)Psychologie kennt man es als “Übersprungshandlung”. Es dient vor allem der Spannungsreduktion. Die einen pulen dazu im Ohr, die anderen hibbeln mit den Füßen, die dritten kratzen sich das Gemächt und die vierten popeln halt in der Nase.
Indes: Trotz Ankündigung bei der großen Themenkonferenz am Vortag haben die Kollegen vom Sport diese nagende Geschichte heute doch nicht gebracht. Auf dass dem Zeitungsleser morgens nicht die Kaffeetasse aus der Hand falle. Nun, wir sind da weniger despektierlich. Außerdem ist schon Mittag. Und es ist schließlich nicht das erste Mal, dass Herr Löw live vor einem Millionenpublikum den Übersprung übte:
Aber so isser halt, in Phasen “högschder Konzentration”. Unser Bundes-Jogi. In diesem Sinne: Maaaahlzeit!
Diego Maradona und die Medien. Eine Pressekonferenz mit dem argentinischen Nationltrainer ist immer unterhaltsam. Zum Beispiel war das so nach der Achtelfinalpartie gegen Mexiko, die die Argentinier mit 3:1 gewonnen hatten.
Der Fußball-Weltverband Fifa schreibt vor, dass diese Fragestunde rund 15 Minuten nach dem Schlusspfiff beginnen soll.
Diego „die Hand Gottes“ Maradona ließ die Medienvertreter eine geschlagene Stunde warten, bis er sich dann doch die Ehre gab.
Die meisten seiner Antworten sind schlicht Floskeln. Einige Antworten sind patzig, weil der ehemalige Superstar hinter jeder Frage eine Verschwörung wittert.
Einige Antworten sind keine Antworten. Auf die Frage eines argentinischen Journalisten, was er denn zum Aufeinandertreffen mit der deutschen Nationalmannschaft sagen könne, meinte er: „Ich freue mich erst einmal über unseren heutigen Sieg, morgen denke ich dann über das Deutschland-Spiel nach. Aber wissen Sie was, schreiben Sie doch einfach, was Sie wollen. Schreiben Sie, was ich vermutlich über das Spiel denke. Das machen Sie doch sowieso.“
Als der Fifa-Offizielle die Pressekonferenz beenden wollte, fragte Maradona: „Was, das soll es schon gewesen sein?“ Und dann blieb er einfach sitzen und beantwortete weiter Fragen.
Diego Maradona: Er ist immer noch so unberechenbar wie früher als Spieler auf dem Platz, als ihm grandiose Dinge gelungen sind.
Mal was anderes. Nach vielen WM-Spielen in beiden Johannesburger Stadien, in Pretoria und einem in Nelspruit, geht es im zweiten Achtelfinale zwischen den USA und Ghana in Rustenburg um den Einzug in Viertelfinale. Rustenburg, rund 120 Kilometer westlich von Pretoria gelegen, zählt mit Polokwane und Nelspruit zu den kleineren WM-Ausrichtern in Südafrika. Die Stadt selbst hat kaum mehr als 200.000 Einwohner. Die Gemeinde zählt jedoch zu den Boomregionen Südafrikas; dafür sorgt der Bushveld Komplex, das größte Platin-Abbaugebiet der Welt.
Und hier hat noch ein König das Sagen: Kgosi (König) Leruo Molotlegi, der 36ste nachgewiesene Monarch des Bafokeng-Stammes, wurde im August 2003 auf den Thron gehoben. Der hat viel Geld wegen des Platins, das er jedenfalls auch für viele soziale Zwecke ausgibt. Er finanziert Jugendzentren, Bildungseinrichtungen und einiges andere mehr, wie das Stadion, das in vielen Dingen deutlich moderner wirkt als die anderen Spielstätten in Südafrika.