12. Juli 2010

Die Reste der WM: Fähnchen am Straßenrand
Als Roller-Fahrer erkennt man früh, wenn ein Ereignis von nationaler Bedeutung stattfindet: Es ist die Zeit, in der mehr abgerissene Deutschlandfähnchen als verlorene Radkappen im Straßengraben liegen. Die Billig-Fanartikel halten dummerweise einfach nicht, was der einschlägige Fachhandel – Kik, Tedi, Tanke – verspricht.
Als Roller-Fahrer hat man aber auch Zeit, sich Gedanken zu machen beim gemächlichen Dahinbrausen auf der Landstraße. Zum Beispiel darüber, ob Schwarz-Rot-Gold ein Wegwerfprodukt geworden ist. Oder ein Einwegartikel. Obwohl doch Deutschland für Qualität, Verlässlichkeit, Langlebigkeit steht.
Andererseits – diese D-Devotionalien wurden garantiert alle in China produziert. Nix mit “Made in Germany”. Und wahrscheinlich ist der alltägliche Umgang mit unserer Trikolore auch gut so. Ein Symbol der Leichtigkeit. Zeichen für die Normalität, mit der heutzutage Deutsche sich und ihr Land feiern können. Beziehungsweise dürfen.
Wer weiß, wie die Generation(en) vor uns reagiert hätte(n) beim Anblick ihrer Nationalflagge in der Gosse.
10. Juli 2010
Match Day –1, so bezeichnet der offizielle Fifa-Sprachgebrauch den Tag vor einem Spiel in einem Stadion. Heute ist Match Day –1 im Johannesburger Soccer-City-Stadion vor dem großen WM-Finale am Sonntag zwischen den Niederländern und Spanien.
Im größten WM-Oval haben heute die Vorbereitungen für die Abschlussfeier begonnen. Der Rasen muss speziell abgedeckt werden, damit er keinen Schaden nimmt, wenn Künster vor der letzten Partie das Land Südafrika und die Fans feiern werden. Das ist jedenfalls das Motto der großen Abschiedsparty. Danach soll das Feuerwerk auf dem Rasen beginnen. Auf alle Fälle wird es einen neuen Weltmeister geben, denn weder Deutschlands Nachbar noch der Europameister 2008 haben die Trophäe bisher gewinnen können.
Gestern besuchte auch Shakira das Stadion, schaute sich nochmal die Gegebenheiten an. Die kolumbianische Rock-Pop-Sängerin wird bei der Abschlussfeier einmal mehr „Waka Waka“ zum Besten geben, den offiziellen WM-Song. Ihr Auftritt sei als Hommage an alle afrikanischen Frauen gedacht, die den Kontinent am Leben erhalten haben, sagte die 33-Jährige, die kein Hehl daraus machte, dass sie sich eher einen Sieg der Spanier als der Holländer wünscht.



7. Juli 2010
Am Vormittag, an dessen Abend Schland um den Einzug in das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft spielt, ist Unvorhergesehenes, ja: vielleicht Schicksalhaftes geschehen im Newsroom. Drei Kolleginnen – jung, seriös und garantiert nicht verdächtig, dem Fußballvirus verfallen zu sein – erschienen in den deutschen Farben zur großen Themenkonferenz, die den Arbeitstag der SWP-Redaktion einläutet. Und dann sitzen sie auch noch nebeneinander!
Kann so viel Zufall sein? “Nicht abgesprochen”, beteuern die Schönen treuherzig. “Juhuuu – WM-Bunnies!” frohlockt es dagegen vom eher maskulin geprägten Newsdesk. Hier, in der Runde der wahren Kick-Experten, werden die farbigen Indizien sogleich als deutliche Merkmale, als Zeichen gewertet: Wie einst das Orakel von Delphi wollen uns die Tops der Damen einen großartigen Sieg der deutschen Mannschaft mitteilen! Glasklar!
Damit kann sich dieser dämliche Oktopus aus Oberhausen, der zum allgemeinen Entsetzen einen Erfolg der Tapasfresser prophezeit hatte, endgültig in Weißweinsauce verkrümeln.
Übrigens: Falls die Iberer wider Erwarten doch das Halbfinale gewinnen und sich die oben beschriebenen Voraussagen als völliger Schmu erweisen sollten, bietet, nein: drängt sich geradezu eine andere Auslegung zum Orakel von Ulm auf.
Zwei der Mädelz erschienen in Spaniens Farben. Die Dritte trug bereits vorab Trauer.

6. Juli 2010
Jetzt geht es um die Wurst im ersten Halbfinale zwischen den Niederländern und Uruguay in Kapstadt – eine Partie, die man so in der Runde der letzten vier Mannschaften nicht unbedingt erwartet hat.
Wer also wird Gegner der deutschen Nationalmannschaft… Okay, das ist natürlich zu früh.
Die insgesamt rund 5000 Holländer im Green-Point-Stadium, in der Mehrheit nicht mit dem Wohnwagen angereist (ein kleiner Rest hat das aber tatsächlich getan/deshalb der platte Gag), haben Kapstadt einen deutlich orangefarbenen Anstrich gegeben. Da war das Himmelblau-weiß der Südamerikaner quasi nur ein dunkler Schatten. Einige Oranje-Fans haben sich vormittags am Atlantischen Ozean ausgeruht und Kraft getankt für das abendliche Spektakel (siehe Bild unten).
Einige Anhänger der Uruguayer feiern übrigens immer noch Luis Suarez, der mit dem Handspiel in der 120. Minute gegen Ghana letztlich dafür gesorgt hat, dass sein Team jetzt im Halbfinale steht. Es hat weiterhin einen bitteren Nachgeschmack.
Der Wetterdienst vermeldet 11 Grad, 65 Prozent Luftfeuchtigkeit und Wind, der mit 5 Kilometer in der Stunde weht. Das nennt man wohl gute Bedingungen.


3. Juli 2010
Deutschland gegen Argentinien, wo nur gucken in Pretoria. Die Idee, es einfach mal bei der Botschaft der Argentinier in Pretoria zu versuchen, erschien mir ideal und eine journalistische Herausforderung zu sein. Die Adresse war schnell herausgefunden: Hilda Street 440 in Hatfield, Pretoria.
Kein Problem mit einem Navigationsgerät, wenn da nur nicht die etwas andere Organisation der Hausnummern in Südafrika wäre. Was heißt schon Organisation, das System erschließt sich einfach nicht immer, sollte ich später denken.
Also hin zur Botschaft in der Hoffnung, dort vielleicht Public Viewing genießen zu gönnen bei argentinischem Bier und einem Steak. Leider hat das nicht funktioniert. Die Hilda Street hoch und runter gefahren, vier Leute auf der Straße nach der Embassy gefragt, nur Kopfschütteln und Achselzucken geerntet – und überlegt, ob denn Deutschland heute wirklich gegen Argentinien spielt? Gibt es Bielefeld wirklich?
Vielleicht dann in Soweto das Spiel anschauen. Haben Kollegen schon gemacht, ich war dann aber doch etwas zu spät dran. Immerhin hat es noch gereicht, durch die South Western Townships, die südwestlichen Wohngebiete, zu fahren. Soweto, das heute zu Johannesburg gehört, gilt seit dem Soweto-Aufstand als Sinnbild der Apartheid.
Besucht habe ich auch das Hector Pieterson Memorial. Hector Pieterson war ein südafrikanischer Schüler, der 1976 im Alter von zwölf Jahren bei einer Demonstration während des Soweto-Aufstandes erschossen wurde.
Das Fußballspiel habe ich dann auch noch gesehen und mich danach richtig auf das letzte Viertelfinale Spanien gegen Paraguay gefreut. Und das fängt gleich an.

Der sterbende Hector Pieterson

Straßenverkäufer in Soweto