Schon wieder ist jemand gestorben, den ich gut kannte. Zumindest meinte ich, sie gut zu kennen: Whitney Houston ist tot. Sie war 48 Jahre alt, nur drei Jahre älter als ich. Keine Ahnung, wie viele Nachrufe, Geschichten und persönliche Erinnerungen an sie in diesen Stunden geschrieben werden. Meine fängt so an: Ich habe sie geliebt.
Damals war ich gerade von meinem ersten USA-Aufenthalt zurückgekehrt, ein pickeliger, spätpubertierender 19-Jähriger mit einer großen Nase und ohne Freundin. Während andere Jungs in meinem Alter bereits fest liiert waren und mit festen Zielvorstellungen ihre letzten Schuljahre bestritten, war ich ein hochgeschossener Träumer mit schlackernden Gliedmaßen, geplagt vom Fernweh nach sechs Wochen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Schließlich war ich der Zeit in Deutschland der 80er Jahre um mindestens Monate voraus, hatte in den USA den ersten Musiksender MTV kennengelernt, erstmals Bryan Adams (“Summer of ’69“), die Dire Straits (“Money for Nothing“), Mr. Mister (“Broken Wings“) gehört. Und Whitney Houston, eine junge, wunderschöne Sängerin mit einer unglaublichen Stimme. Das Foto von ihr im weißen Badeanzug, auf der Rückseite ihres ersten Albums, ist echt – damals gab es noch kein Photoshop, das solche Kurven hätte besser zeichnen können.
Wochenlang lief ihre LP täglich auf meinem Plattenspieler, stundenlang oft, während ich in meinem Sessel lümmelte und süßeste Wolkenschlösser baute. Ich war dermaßen verknallt in sie, dass ich mich nicht scheute, ihr einen öffentlichen Liebesbrief zu schreiben, nachdem sie endlich auch in Deutschland bekannt wurde. Er erschien im Juni 1986 in der Schülerzeitung meines Gymnasiums, unter der Überschrift “Oh, Whitney” und handelte vom faszinierendem Auftreten der Newcomerin, ihrer Wirkung auf uns Jungmänner und ihrem latenten Sex-Appeal (auch wenn ich das damals so deutlich nicht formulierte):
“…’Hold me and touch me, make me a woman tonight’, und das im Duett mit einem Mann! Weißt Du überhaupt, was Du uns da antust? … Dennoch kann dies nicht der einzige Grund sein, warum wir uns, sobald der Name “Whitney” ertönt, verständnisvoll zulächeln. Vielleicht liegt es daran, dass eine tolle Stimme endlich auch mal zu einer tollen Frau gehört und jeder von uns das Privileg für sich Anspruch nimmt, Dich als Erster ‘entdeckt’ zu haben. Wobei uns allerdings die Aussichtslosigkeit unserer Träume wieder eint. Oh Whitney, what have you done to us!
Saving all my love for you – Robert”
Irgendwann hatte ich die Songs von Whitney Houston derart verinnerlicht, dass ich sie auswendig mitsingen konnte, ihre Texte für mich ins Deutsche übersetzte und sogar daran glaubte. Mein Lieblingslied war die üppige Ballade “Greatest love of all” und besonders die letzte Zeile half mir damals tatsächlich, meine pubertären Komplexe (Nase! Akne! Lulatsch!) abzulegen.
“Because the greatest love of all Is happening to me
I found the greatest love of all Inside of me
The greatest love of all Is easy to achieve
Learning to love yourself It is the greatest love of all”
Alles andere kam dann wenige Monate später, fast von alleine. Whitney Houston wurde abgelöst von echten Freundinnen und einer neuen Stimme (Annie Lennox), die Schule endete, der so genannte Ernst des Lebens begann mit der Bundeswehr, es folgten Studium, Ausbildung, Hochzeit, Beruf, Kinder… Dennoch habe ich Whitneys weiteren Lebensweg immer mitverfolgt, ihre Erfolge, ihre Heirat, ihre Drogensucht, zuletzt, 2004, der Versuch, in Deutschland im Rahmen einer Tournee von Tchibo (!) zusammen mit Natalie Cole and Dionne Warwick als “Soul Divas” ein Comeback zu versuchen.
Da allerdings war sie schon lange nicht mehr die Whitney Houston meiner Jugend, die unvergessene – “Greatest Love of All”.
“Mööcht ich wärrden hundertdrreissich Jahr!” Na, dafür hat es nicht ganz gereicht. Im Alter von 108 Jahren ist der Schauspieler Johannes “Jopie” Heesters an Heiligabend in einer Klinik am Starnberg entschlafen. Das halbe Berufsleben lang war sein Spruch von den “hundertdrreissich Jahr” ein Running Gag von uns. Damit ist es nun vorbei.
Der alte Running Gag geht nicht mehr. Wenn man das so sagenschreiben darf.
Das Ende war abzusehen. 2003, am Tag nach seinem 100. Geburtstag, hatte der gebürtige Niederländer bei Thomas Gottschalk auf der Couch gesessen und versprochen, fünf Jahre später wieder zu kommen. Tatsächlich war der “Grandseigneur der Operette” im Dezember 2008 erneut zu Gast bei “Wetten, dass..?“. Und wieder versprach er, fünf Jahre später ein weiteres Mal bei Gottschalk zu erscheinen. Doch mit dessen Abgang von “Wetten, dass..?” vor wenigen Wochen war klar, dass Jopie sein Versprechen nicht mehr würde erfüllen können.
Kein Grund mehr also, das Leben weiter zu leben.
Mit Jopies Ende wird auch die Geschichte eines bestimmten, uralten Fotos nie geschrieben werden. Es ist im Besitz eines Bekannten und es zeigt einen jungen Johannes Heesters, damals schon ein berühmter Bühnen- und Leinwand-Star, als Besucher in Blaubeuren. Selbst gesehen habe ich das Privatfoto nie, nur von ihm gehört. Irgendwann einmal wollten wir die Aufnahme ausgraben aus knarzenden Kisten oder vergilbten Alben und für die Zeitung beschreiben, wie das wohl war, damals, 1936, als der Jopie in Ulm reüssierte.
Jetzt ist’s zu spät dafür.
Eine subtile Genugtuung jedoch hat sich der zuletzt blinde Sänger noch gegönnt. Der Schauspieler trat ausgerechnet am 24. Dezember ab, der heuer auf einen Samstag fiel. Damit erschienen die Würdigungen seines langen Lebens ausschließlich in den wenigen, überregionalen Sonntagszeitungen, die (wenn überhaupt) am ersten Weihnachtsfeiertag herauskamen. All die anderen Nachrufe aber, die seit langem vorformuliert und alljährlich penibel aktualisiert in den Schubladen der Redaktionen auf Heesters Ableben warteten, die waren allesamt umsonst geschrieben. Eine kleine, feine Rache an uns Redakteuren, die wir jahrelang Witze um seine Lebenserwartung gerissen haben.
Obwohl ich kein Spanisch verstehe, ist eines meines Lieblingslieder “Sabor a mi” von Álvaro Carrillo (1921 -1969), einem mexikanischen Komponisten (fragt nicht – es hat etwas mit Erinnerungen an eine bestimmte Person zu tun). Ab und an durchstreife ich Vimeo, YouTube und Co. auf der Suche nach Variationen des Liedes, die ich noch nicht kenne. Dabei stieß ich vor einiger Zeit auf eine in Englisch gesungene Version – live interpretiert von einer jungen Frau mit einer hinreissenden Stimme: Elisa Gastellum.
Fasziniert davon, wie mühelos sie sang, begann ich, im Internet nach weiteren Liedern von Elisa zu suchen. Das Ergebnis war bestürzend. Es wurde mir klar, dass sie bereits 2006, mit nur 18 Jahren, bei einem Autounfall ums Leben gekommen war.
Was damals geschah, lässt sich anhand von Zeitungsberichten und Blogs ziemlich genau nachverfolgen. Vom Unfall-Hergang (“Mariachi rising star killed in car crash“) über den Beitrag von ihrer Beerdigung (“Mourners pay last respects to young mariachi singer“) hin zum toxologischen Untersuchungsbericht der Polizei (“Singer was drunk, had cocaine in her system“). Ihre Mutter, mit der ich während der Recherchen in Mailkontakt stand, glaubt dagegen an ein Komplott der Medien und dass ein geplatzter Reifen an Elisas Wagen Ursache des Unfalls war:
“Since to this day we believe there was some kind of cover up and the media portrayed our daughter in a negative way. The way that they assumed the accident happened was not true. We were told that there were no witnesses, and by the grace of God we met a man 9 months ago who was driving 100 feet behind Elisa and saw the accident. He told us that Elisa was traveling normally when all of a sudden he saw the vehicle swerving and it crossed the center line up against the hill which was on an incline. …
The police failed to tell us that there was a flat tire. We believe that she had a blow out and lost control of the car, which caused her to cross the center line. The media also portrayed Elisa as a drunk teen, driving recklessly and at a high speed, hitting the other girl head on. None of that was true, because of witnesses who were with Elisa shortly before the accident.
…
There are other things in which this case was handled that give us reason to believe that there was a cover up, but we didn’t want to take legal action. The loss of Elisa was more than we could handle.”
Ihrer verstorbenen Tochter hat die Familie im Internet ein Andenken geschaffen. Unter esoelisa.com beschreibt die “Elisa Gastellum Memorial Foundation” ihre Ziele: Die Stiftung soll die Erinnerung an Elisa bewahren und Stipendien für junge Mariachi-Talente vergeben. Ein jährliches Golfturnier und der Verkauf von “Devotionalien” bilden dafür die finanzielle Basis. Ich habe mir die CD “Memorias” bestellt. Mariachi, die sentimentale, manchmal ins Schluchzende abgleitende mexikanische Volksmusik, entspricht nur selten meinem Geschmack. Aber wie Elisa das ruhige Lied “Costumbres” singt, das wohl schönste Stück der Sammlung, ist schlicht – überwältigend.
Auf Youtube ist das Lied leider nicht zu finden. Doch Belege von der spielerischen Leichtigkeit, mit der die junge Elisa Gastellum zu singen vermochte, gibt es zuhauf. Ein – weiteres – Beispiel dafür trägt den Titel “Nunca Jamas”:
“Vergeudet” war das Attribut, das mir während der Recherche ständig in den Sinn kam; welch tragisch vergeudetes Talent. Ich fand Elisas Geschichte zu eindrucksvoll, um nicht erzählt zu werden. Für die Printausgabe (21.07.2011) des Mutterschiffs ist daraus ein Feature entstanden: “Vom kurzen Leben der Elisa Gastellum“.
Heute vor einer Woche ist einer unserer Kollegen gestorben. Abends, beim Sporttraining umgekippt, “einfach so” – Herzinfarkt. Der alarmierte Notarzt kam vergebens. Henrik war bereits tot.
Gekannt habe ich ihn, wie ich viele kenne aus der Redaktion und aus dem Haus. Flüchtig. Wir haben uns geduzt, wir waren ja im ungefähr gleichen Alter und er war ohnehin locker, aufgeschlossen. Beim Vorübergehen, wenn wir uns trafen auf dem Flur, haben wir uns gegenseitig angegrinst. Das reichte meist als Kommunikation. Henrik kannte meinen Job, ich wusste, was er tat. Und dass er nebenher als Maler und Autor arbeitete. Wobei er beides wohl nie als Arbeit bezeichnet hätte.
Ich wusste auch, dass er erst vor wenigen Monaten geheiratet hatte. Dass er zwei Tage vor seinem Tod Geburtstag hatte, wusste ich nicht. Wie vieles nicht. Im Internet bin ich auf ein Kurzporträt von ihm gestoßen (wahrscheinlich hat er es sogar selbst verfasst): Henrik war nicht nur Journalist und Maler, einst war er auch Koch, Zimmermann, Hochzeitsfotograf, Boxer, Sänger einer Band. Und noch ein paar schräge Sachen mehr. Ein Kollege und guter Freund von ihm hat für unsere Zeitung einen zu Herzen gehenden Nachruf geschrieben. Auch die Kollegen von der Konkurrenz haben seiner ausführlich gedacht.
Als ich Mittwochmorgen erfuhr, dass Henrik tot ist, war meine erste Reaktion ungläubiges Entsetzen. Dem Entsetzen folgte Erschrecken, dem Erschrecken große Nachdenklichkeit. Trauer? Ich glaube, für Trauer kannte ich ihn zu wenig. Dennoch hat die Nachricht von seinem Tod alles relativiert. Zwei Tage lang.
Dann bebte vor Japan die Erde, überrollte ein Tsunami den Nordosten Nippons und in Fukushima begann ein Nuklearkraftwerk zu zerbröseln. Mehr als zehntausend Menschen sollen bisher in Japan gestorben sein. Jeder von ihnen ein Individuum, eine Figur wie Henrik. Noch viel mehr werden sterben, wenn das Undenkbare in Fukushima Realität wird: der Atom-Gau droht.