17. Oktober 2011
Der liebe Gott hat sich schon etwas dabei gedacht, als er beschloss, Redakteure schreiben und Wengerter (für Nicht-Schwaben: Winzer) Wein machen zu lassen. Was geschieht, wenn einer versucht, diese ungeschriebene Weisheit umzukehren, lässt sich prima am Etikett der Rotwein-Cuvée “Villa Gemmingen” des städtischen Stuttgarter Weinguts feststellen. Wer auch immer dessen Etiketten-Prosa textet, hat von deutscher Rechtschreibung mutmaßlich so viel Ahnung wie ich vom Keltern.

Eine "finessenreriche" Cuvée mit starker "Strucktur"
Dass die Fehler kein einmaliger Lapsus sind, beweist das Etikett des 2007 Cannstatter Zuckerle vom gleichselben Abfüller. Ein Rebensaft für “Freunde leichter halbtockener Trollinger-Weine”. Ein ganz besonderer Topfen also. In diesem Sinne: zum Wohle.

Für Freunde "halbtockener" Trollinger-Weine
30. September 2011

Jetzt surfen Telekom Kunden??
Ahnung von Rechtschreibung zu haben, das ist eine aussterbende Begabung. Das Schild “Autoreperatur” am Straßenrand, die Aufschrift “Vöringen” auf dem Firmenauto, die Schreibweise “DaimlerChrysler”, mit der krampfhaft verbunden wurde, was weder inhaltlich noch formal zueinander gepasst hat, das FeministInnen-Kauderwesch, die Lücken Frei Lass Schreibweise: alles Käse.
Großen Käse verzapfen im Moment mal wieder die Werbetexter der Telekom. Für das iPad 2 werben sie mit dem Spruch “Jetzt surfen Telekom Kunden zum Nulltarif.” Vermutlich ist gemeint, dass die Kunden surfen sollen (wer auch sonst?). Aber dann müsste es “Telekom-Kunden” heißen, die Wörter also mit einem Bindestrich verbunden werden (der heißt deshalb auch so). Oder “Telekomkunden”, zusammengeschrieben ohne Bindestrich.
Der gelegentlich als – natürlich rein subjektiv – merkwürdig empfundene Umgang der Telekom mit ihren Kunden könnte natürlich auch etwas anderes implizieren. Dass nämlich die Telekom mit ihren Kunden surfen will. Dem Pluralis Majestatis Telekom das Pluralprädikat “surfen” voranzustellen, das ergibt in dem Zusammenhang durchaus Sinn: Ihre Majestät, die Telekom, surfen ihre Kunden zum Nulltarif.
Zugestanden, jemanden zu surfen ist inhaltlich nicht sehr gehaltvoll. Neuhochdeutsch: Mangel an Content. Aber wer kann zum Nulltarif schon Content verlangen? (Außer der Piratenpartei . . .). Dennoch scheint diese Interpretation des Werbetextes die glaubhaftere zu sein, würde ein so geschätztes Unternehmen wie die Telekom ihren Kunden doch nicht das falsche Versprechen geben, sie könnten kostenlos surfen. Andererseits: Ein bisschen klingt die Aussicht, “Jetzt surfen Telekom Kunden” eher wie eine Drohung; wer weiß, was die unter Surfen verstehen. Surfen essen Kunden auf, wie Rainer Werner Fassbinder sagen würde.
Aber vielleicht ist das alles zu weit gedacht und die Werbetexter der Telekom sind gelernte Baden-Württemberger. Oder sie halten Sprachmüll (oder Müll Sprache?) einfach für cool. Wie auch immer: Mir stellt sich die Frage, weshalb die Wörter auf der Homepage der Telekom richtig geschrieben sind – von der “App-Idee” bis zum “F.A.Z.-Institut” – und in den Anzeigen Un fug ver zapft wird.
31. August 2011
“Hast Du Kaffeeflecken auf den Bewerbungen gesehen?”, fragt ein Kollege mich*, als ich nach dem Durchsehen von zwei Dutzend Bewerbungen mal wieder im Büro stehe, um mir eine Tasse Kaffee zu holen. Habe ich natürlich nicht, wer bewirbt sich schon mit befleckten Unterlagen. Ohnehin: Die allermeisten Bewerbungen sind übers Internet gekommen. Kaffeeflecken hätte also am ehesten das Sekretariat draufmachen können, das die Bewerbungen ausgedruckt hat. Oder ich. Beides ist ausgeschlossen.
Ansonsten ist unter den knapp 40 Bewerbungen um ein Volontariat in unserem Medienhaus, die ich am Vor-, Nachmittag und Abend lese — weitere werden folgen –, wenig ausgeschlossen. “Südwest Presse”, das ist die richtige Schreibweise, wird auch mal “Südwestpresse” und “Süd West Presse” geschrieben. Ein Schreiben richtet sich im ersten und im letzten Absatz an uns, in den Absätzen dazwischen an eine ganz andere Firma. Und einer schreibt, er kenne von unseren Ausgaben nur den “XX” (den Namen der Konkurrenzzeitung lassen wir weg, es wäre zu peinlich …)
Irritierend ist die Zahl der Schreib- und Kommafehler. Gegen manche Tippfehler hülfe ja das Korrekturprogramm, wenn man es nur einschaltete. Andere darf man entweder nicht machen oder muss sie beim Durchlesen der Unterlagen sehen – wie die mit der Groß- und Kleinschreibung, dem falschen Fall, der falschen Präposition, die gleich oben auf dem Anschreiben auftaucht, wenn sich jemand “für” anstatt, wie es richtig hieße, “um” ein Volontariat bewirbt. Und für Kommas gibt es Regeln, keine Streuer.
Okay, jeder macht Fehler. Aber wenn jemand in Anschreiben, Lebenslauf, den Antworten auf unserem Fragebogen und in den Arbeitsproben konstant die gleichen Fehler macht? Dann wird‘s schwierig. Schließlich müssen wir dauernd und in hohem Tempo Texte umformulieren, kürzen, längen, ergänzen. Das verlangt eine gewisse Sicherheit in Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung, von Stilsicherheit ganz zu schweigen.
Das war jetzt ein typischer Medientext: „Bad news are good news”. Wer das lieber das Gute liest: Gefühlte 70 Prozent der Bewerbungen sind fehlerfrei. Und Kaffeeflecken haben auch die paar nicht, die mit der Post gekommen sind.
* Das ist gerade eine geflügelte Frage unter einigen Kollegen
28. September 2010
In unserer kleinen, aber unbeabsichtigten Reihe “Rechtschreibung heute” kommentieren wir diesmal die Ein-Satz-Anzeige in einem Kleinanzeigen-Portal aus dem Internet, die nicht nur in der Orthographie, sondern auch in der Komma-Setzung derart intensive Probleme des Autoren offenbart, dass dieser sie gleich ganz weggelassen hat und deshalb liest sich sein Werbetext auch wie von einer automatischen Übersetzungsmaschine geschrieben, dabei nennt er doch seinen Namen am Ende des Beitrags, nämlich Gerd Baumeister aus Nürnberg, der (vermutlich selbst ernannte) “Happy Hour-Gerd”, und eine Warnung müssen wir hinterherschieben: Der Link zur Anzeige führt auf eine nicht unbedingt jugendfreie Seite, auf der es auch zur Darstellung von Nacktheit kommen kann, wir distanzieren uns hiermit ausdrücklich von diesem Schmuddelkram, Punkt.

Kompitens unds Seriösiedät zeichnen diesen Anbieter aus
30. Juni 2010
Am Vorabend der Wahl des neuen Bundespräsidenten (Wulff vs. Gauck, u.a.) hat der Berlin-Korrespondent der Tagesschau den schönen Begriff “Enttäuschungsprophylaxe” verwendet. Er beschrieb damit das Bemühen der CDU, die Erwartungen an die Wahl ihres Kandidaten nicht zu hoch zu hängen – Hauptsache, er werde gewählt, egal, in welchem der drei Wahlgänge.
Ich finde, “Enttäuschungsprophylaxe” ist mal wieder eines dieser wunderbaren Wörter der deutschen Sprache, die es schaffen, einen ganzen Satz in nur einem Begriff zu verdeutlichen (wenn auch mit gefühlten 120 Buchstaben). Und es klingt auch noch gut! Sagen Sie daher nun bitte drei Mal hintereinander leise “Enttäuschungsprophylaxe” vor sich hin, verdeutlichen Sie sich Wert und Bedeutung des Begriffs und beginnen Sie hernach gelöst Ihren Arbeitstag. Nichts wird Sie heute schrecken können.
Für tiefer greifende Informationen empfehlen wir die Lektüre der einschlägigen Fachliteratur, insbesondere die für 2010 erwartete Publikation des Titels “Enttäuschungsprophylaxe als Aufgabe der Psychoanalytischen Pädagogik in der Spätmoderne“, Bittner/Dörr/Fröhlich/Göppel (Hrsg.): Allgemeine Pädagogik und Psychoanalytische Pädagogik im Dialog. Bad Heilbrunn, Julius Klinkhardt Verlag.