8. August 2011
Der englische Journalist Johann Hari ist mir zum ersten Mal vor sieben Jahren in einer Kolumne des „Independent“ begegnet. Er schrieb sich unter Bezug auf Dan Browns Roman „Da Vinci Code“ die Seele über das Opus Dei aus dem Leib. Dünne Faktenlage, misslungener Umgang mit Quellen, entschiedenes Urteil – ich habe mich über ihn geärgert und gehofft, er bessere sich noch – er war ja erst 25.
Mittlerweile ärgert sich die gesamte britische Journaille über den „preisgekrönten Journalisten“ (Hari über Hari). Wessen er beschuldigt wird, gehört zum Übelsten, dessen man einen Journalisten beschuldigen kann: Erfindung von Fakten, Fälschung von Aussagen, Plagiatur, Angriffe auf Kollegen über Fake-Accounts im Internet.
Am 17. Juli 2004 veröffentlicht Johann Hari ein Interview mit dem italienischen Linken Toni Negri. Am 17. Juni 2011 publizierte die linke Deterritorial Support Grouppppp (DSG) einen Blog unter dem Titel HARI KARI/HACKERY, in dem die Autoren ihre Verwunderung über ein Interview Haris mit dem italienischen Linken Toni Negri zum Ausdruck bringen. Sie haben nämlich, wie andere kurz vor ihnen, entdeckt, dass Negris Antworten auf Haris Fragen wortwörtlich aus dem 2003 veröffentlichten Buch „Negri on Negri“ der Philosophin Anne Dufourmentelle stammten. Mittlerweile sind ähnliche Fälle bekannt, Haris Wikipedia-Eintrag wächst täglich.
Hari leugnete nicht, sondern erklärt seinen Pfusch zur journalistischen Methode. In einem Blogbeitrag unter dem Titel Interview etiquette schreibt er sinngemäß, viele (!) Journalisten griffen auf alte Veröffentlichungen ihrer Interviewpartner zurück, wenn sie sie für prägnanter hielten als die Antworten im Interview. Ha! Er rechtfertigt das mit der Behauptung, seine Interviews seien „intellektuelle Porträts“. Das, mit Verlaub, ist intellektueller Käse.
Mehrere Journalisten berichten, ihre Wikipedia-Einträge seien gefälscht worden, nachdem sie Haris Werke kritisiert hätten. Vor allem von einem User namens „David r from Meth Productions“. So hat der „Observer“-Kolumnist Nick Cohen in seinem Wikipedia-Eintrag den Eintrag gefunden, er sei ein mutmaßlicher Alkoholiker, ein Heuchler und unterstütze Sarah Palin. Und „alle Rezensionen meines Buches waren weg außer der von Hari“. Dieser „David r …“ wird derzeit gesucht, eine Spur führt — über dessen IP-Adresse — in die Redaktion des „Independent“, wo Hari arbeitet.
Am 5. Oktober 2007 veröffentlicht Hari im „Independent“ einen Artikel über das Vorgehen französischer Soldaten in der Zentralafrikanischen Republik. Darin zitiert er französische Soldaten mit den Worten: „Kinder brachten uns die abgetrennten Köpfe ihrer Eltern und schrieen um Hilfe. Aber unser Auftrag lautete nicht, ihnen zu helfen.“ Für die Reportage hat Hari den Orwell-Preis 2008 erhalten. Es ist der wichtigste Preis für politisches Schreiben in England
Das Zitat bezeichnet Damian Thompson in einem Artikel für den „Telegraph“ jetzt als Fälschung. Bei ihm hat sich die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation gemeldet, die damals für Hari übersetzt hat. Sie schreibt, kein Soldat habe so etwas zu Hari gesagt. Sie habe Hari und den „Independent“ darauf aufmerksam gemacht, das Zitat sei dennoch veröffentlicht worden.
Ebenfalls im „Independent“ veröffentlicht Hari am 7. April 2009 den Artikel „The Dark Side of Dubai“. Darin beschreibt er Dubai als eine Stadt, die „aus dem Nichts heraus gebaut worden“ sei, „auf Kredit und Umweltzerstörung, auf Unterdrückung und Sklaverei.“ Jetzt zitiert Jonathan Gornalls in einem Blog in „TheNational“ Zeugen dafür, dass es die Leute, die Hari in Dubai getroffen, gesprochen und gesehen haben will, gar nicht gibt. Und einer, den es wirklich gibt, fühlt sich von Hari getäuscht — falsch zitiert und falsch dargestellt. Hari hat für die Dubai-Reportage 2010 den Martha-Gellhorn-Preis erhalten.
Im Moment schreibt Hari nicht mehr für den „Independent“. Die Zeitung hat ihn am 12. Juli für zwei Monate von der Arbeit freigestellt. Bis dahin sollen die vielen Vorwürfe gegen ihn untersucht werden. Wenn die Untersuchung abgeschlossen ist, wird Hari der Orwell-Preis für 2008 aberkannt, hat das Orwell-Preis-Komitee beschlossen.Ob er den Martha-Gellhorn-Preis behalten wird, ist noch offen.
Derzeit ist Hari untergetaucht. Seinen bisher letzten Podcast hat er am 4. Juli veröffentlicht. Die Polizei von Dubai hat ihn vor einigen Tagen eingeladen. Hari braucht jedoch nichts zu befürchten. Er soll sich bloß ein besseres Bild von Dubai machen können.
13. Juli 2011
Liebe ARD, Entschuldigung, dass ich mich gerade aufrege. Aber selten hat mich ein Beitrag in der altehrwürdigen Tagesschau so genervt wie der gerade eben über eine Entscheidung des Bundesfinanzhofs. Demnach können künftig auch Prozesskosten aus zivilen Gerichtsverfahren als außergewöhnliche Belastung von der Steuer abgesetzt werden.
Leider kenne ich mich damit nicht aus. Aber es geht mir gar nicht um die Sache an sich. Gestört am Beitrag hat mich vielmehr der Kommentar der TV-Redakteurin, dass das gleiche Gericht vor nur 15 Jahren genau anders herum entschieden habe. Der Sprecher des Finanzhofs erklärte den erstaunlichen Wandel sinngemäß mit seiner Vermutung, dass die Angelegenheit diesmal von einer anderen Kammer des Gerichts behandelt worden wäre.
Wie bitte? Das ist die lapidare Erklärung dafür, dass eine der höchsten juristischen Instanzen in diesem Land mal hü, mal hott entscheidet? Heißt das, ich muss nur lange genug warten, bis die Richter wechseln, um meine Sicht der Dinge doch noch durchzusetzen? Liebe ARD – kann man da nicht genauer nachfragen?
Dann aber kam’s noch dicker. Die Redakteurin machte eine Beispielrechnung auf – anhand eines “Alleinstehenden mit einem Jahresgehalt von 70.000 Euro”. Stopp. 70.000? Umgerechnet also mehr als 5800 Euro im Monat! In welchen Dimensionen müssen sich nur die Gehälter der Fernsehleute bewegen, wenn sie dieses Gehalt als beispielhaft empfinden. Oder bin ich jetzt nur schief gewickelt (und seit Jahren unterbezahlt, ohne es zu wissen)?
Von diesen 70.000, so der mit einer erklärenden Grafik unterstützte Beitrag weiter, müsse der Alleinerziehende nun einen Teil seiner Zivilprozesskosten selbst tragen – nämlich “sieben Prozent, also 10.000 Euro”.
Liebe ARD. Auch ich habe mich für den Redakteursberuf mit deswegen entschieden, weil mir Buchstaben viel näher als Zahlen lagen. Man frage meine ehemaligen Mathematiklehrer. Aber dass sieben Prozent von 70.000 Euro nicht 10.000 Euro sind, sondern – Taschenrechner, an meine Seite – 4900, war sogar mir Rechenpfeife sofort klar.
Nur der ARD-Redakteurin offenbar nicht. Und auch nicht der Tagesschau-ModeratorinSprecherin Judith Rakers, die den Fehler sofort hätte korrigieren können.
Sobald ich den Beitrag nachher in der ARD-Mediathek finde, werde ich ihn hier verlinken. Mal schauen, ob die Redaktion der Tagesschau zumindest nachträglich aufgepasst hat. Oder der hanebüchene Schwachsinn dann noch immer vermeldet wird.
Nachtrag: Die ARD hat den Clip nicht mehr veröffentlicht – zumindest finde ich ihn nicht. Via Twitter weiß ich aber, dass nicht nur mir der Beitrag auffiel – beispielhaft sei der Tweet von Kai Obermüller (@Kai_Obi) dazu erwähnt. Und @schmuffel hat sogar einen Screenshot der blamablen Beispielrechnung gepostet – Danke!
Nachtrag, II, und Danke!, II: @schmuffel hat mich auf den Youtube-Clip zur Tagesschau hingewiesen (der Beitrag läuft ab 9:25, die Beispielrechnung ab 10:46).
http://youtu.be/EHpDvvXS0lQ
Nachtrag, III: Auch BILDblog berichtet heute über den Tagesschau-Fehler und fragt bei der ARD nach: “Vom Umgang mit Verschüttete-Milch-Mädchen“.
6. April 2011
Das wird die Arbeit in den Redaktionen der Republik revolutionieren: Mit seiner jüngsten Entwicklung “Typescreen” hat Apple endlich die Brücke schlagen können zwischen Tradition und Moderne, zwischen Konservativen und Progressiven, zwischen Holz(medium)köpfen und Digital Natives – die iPad-Erweiterung “Olympia” ist da!

Dumm nur, dass es sich dabei um einen Aprilscherz handelt… (via @isilayerol)
10. Dezember 2010
Der Terminus “redigieren” ist laut Wikipedia “der Oberbegriff für jene journalistische Tätigkeiten, die darauf abzielen, aus dem eingegangenen Material eine konsumierbare inhaltliche und formale Einheit zu gestalten.”
Dass diese Arbeit dem Redakteur manchmal schwer fällt, bemerkt der Leser an Fehlern, die unvermutet in der gedruckten Zeitung auftauchen (so wie etwa am 22.11.2010 die Überschrift auf einer Lokalseite unseres Mutterschiffs). Oft ist es auch nicht die Rechtschreibung, sondern der Zusammenhang, der redigiert hätte werden müssen (siehe die letzten beiden Sätze im Porträt des Torhüters Jerzy Dudek vom 10.12.2010, Ressort Sport, Mutterschiff).
Das Gros der verbalen Brandbomben in vorgelegten Manuskripten jedoch bleibt dem Leser verborgen – eben weil sie bereits beim Redigieren entschärft werden. Dabei sind gerade diese Klöpse extrem unterhaltsam – das Nachrichtenmagazin Der Spiegel hat für veröffentlichte Patzer sogar eine eigene Rubrik etabliert. Dagegen bis zum heutigen Tage unveröffentlicht geblieben sind die Verhauer, die ein befreundeter Lokalredakteur aus dem hohen Norden in eingereichten Rohtexten entdeckt und nun weltexklusiv! für zwei-dinge.de freigegeben hat. Viel Vergnügen.
Kostproben aus dem harten Alltagsbrot einer Lokalredaktion -
dieser Tage beim Redigieren gefunden:
Die Schützen:
“Ein großes Dankeschön an unser Thronhaus für die Stärkung und an die AWO Brönninghausen, denn hier konnten wir die eben noch verzehrten Speisen und Getränke durch einen Toilettenbesuch auch gleich wieder loswerden.”
Die Sänger:
“Obwohl Ehrenvorsitzender Erich Heuwinkel im vergangenen Jahr verstorben ist, war 2009 ein gutes Jahr.”
Die Briefmarkenfreunde:
“Erfreut vermeldete Dr. Wiesekopsieker, dass ein neues Mitglied gewonnen wurde.”
Der Sportverein:
„Bei den Wahlen wurde der Hauptverstand einstimmig wiedergewählt.“
28. Juni 2010

Eine Warnung an alle Verleger, Geschäftsführer und Kollegen, die vom iPad das Allheilmittel zum Erhalt unseres bisherigen Berufsbildes erwarten: Das iPad ist NICHT die Rettung des Print-Journalismus. Ganz im Gegenteil. Es ist sein Untergang.
Der Beweis liegt klar auf den Knien: Mit der Eroberung der Toilette hat das elektronische Tablett den einen geheimen Zufluchtsort, an dem ein Zeitungsleser alter Schule noch ungestört und ausdauernd seinem antiquierten Tun nachgehen konnte, im Handstreich erobert. Die letzte Bastion ist damit gefallen.
Ich kann das bezeugen, ich war dabei. Der Konkurrent hinterlässt weder verräterische Druckerschwärze an Händen und Oberschenkeln, noch verursacht er ein für die anderen Mitbewohner verdächtiges Rascheln hinter der WC-Tür. Außerdem reicht sein Akku locker für jede noch so lang geartete Sitzung aus.
Es bleibt den Verlagen daher nur die eine, von vielen bereits angedachte Chance: Schnellstens eine Anwendung (“App“) zu entwickeln, die die Zeitungsinhalte intelligent und lesefreundlich auf das iPad bringt. Damit nicht alles verloren ist.
Damit ließe sich auch der einzige Nachteil verschmerzen, den das Gerät offenbart. Denn obwohl er nie in die Realität umgesetzt werden musste, war der Gedanke doch immer tröstlich, mit der Zeitung ein Stück Papier in den Händen zu halten. Nur für den Fall, dass die Klorolle überraschend zur Neige ginge. Hierfür jedoch ist das Pad definitiv nicht geeignet.