4. Januar 2012

Wo die Zeit ruht

Category: Allgemein — Tags: , , – Robert Dönges @ 23:29

Das Santa Marta ist eine der Bars, in denen der Straßenkünstler neben dem Schlipsträger sitzt, ohne dass der eine dem anderen auffällt. Am hafennahen Ende der Strandpromenade von Barcelona gelegen, hebt sich das Lokal sowohl preislich als auch optisch von vielen anderen Restaurants im früheren Fischerviertel Barceloneta ab. Die Stühle sind aus Kunststoff, die Tischdecken aus Plastik und die Bedienungen gepierct. Unprätentiös ist vermutlich das Attribut, das den Stil und die Stimmung und die Gäste des Santa Marta am treffendsten beschreibt.

Wer hier Platz nimmt, hat Muße mitgebracht. Tagsüber sitzt man draußen, knabbert an seinem Tostada, blinzelt in die Sonne und schaut über den freien Platz aufs Meer hinaus. Ruhe. Chillaxen. Kein Stress. Wärme. Für den Nordeuropäer, der deutlich kälteres Wetter gewöhnt ist, besonders im Winter ein Genuss.

Das Publikum ist international gemischt. Am Wochenende schlürfen eher Einheimische ihren Café con Leche in der Carrer de Grau i Torras 59; werktags sind die ausländischen Studenten und Touristen, die im Viertel übernachten, in der Überzahl. Viele von ihnen sind deutsch; angenehm überrascht, dass man es ihnen meistens nicht gleich ansieht. Ein Indiz für den fremdländischen Gast jedoch ist der Rollkoffer, der neben dem Tisch steht. Er ist Beleg dafür, dass der Tourist spätvormittags das Zimmer räumen musste, sein Flieger aber erst am Nachmittag geht.

Wahrscheinlich ist auch das Santa Marta ein Straßencafe wie viele andere. Vielleicht bewirkt nur Sentimentalität, dass es die Erinnerung verklärt. Doch beobachteten wir in jenen Tagen, in denen wir dort saßen, etwas Außergewöhnliches: Fast jeder der Gäste kehrte zurück, weil er etwas im Santa Marta vergessen hatte. Die junge Mutter mit dem Kinderwagen die Milchflasche ihres Babies. Die Dame vom Nachbartisch ihren Seidenschal. Der Banker im Anzug seinen Autoschlüssel. Der andere seine Zigaretten und sein Zippo.

Wir haben hier nur die Zeit vergessen.

Alles ruhig in der Wintersonne vorm "Santa Marta" im Stadtteil Barceloneta

Alles ruhig in der Wintersonne vorm "Santa Marta" im Stadtteil Barceloneta

2. Januar 2012

Schier nicht vorstellbar

Category: Journalismus und Internet — Tags: , , , , , , – Robert Dönges @ 00:06

Für die gedruckte Ausgabe des Mutterschiffs habe ich mich neulich mit der gehörlosen Julia Probst in Ulm zum Mittagessen getroffen. Julia kenne ich seit langem über Twitter; ich folge ihr sowohl auf ihrem privaten Nutzerkonto als auch ihrem offiziellen Alter Ego, @EinAugenschmaus. Gesehen und gesprochen, im real life, hatte ich sie jedoch noch nie. Zugegeben, mich beschlich zuvor leise Angst, ob ich sie verstehen würde; vor allem, weil ich das Video von ihr kenne, das Mia Meyer für die Netzkultur-Reihe 140 Sekunden mit ihr gedreht und mit Untertiteln versehen hat (http://www.timklimes.de/140sekunden/140-sekunden/einaugenschmaus).

Letztlich aber lief es viel einfacher, als ich befürchtet hatte. Natürlich ist es anstrengend, einem Menschen phonetisch zu folgen, der nie lernen konnte, seine Sprache zu modulieren, um allein damit die Wirkung seiner Aussagen zu steuern. Julia spricht immer sehr schnell und gleichmäßig hoch; wenn sie sich in Rage redet, wird sie noch schneller, gepresster. Das tritt aber in den Hintergrund angesichts der für mich Hörenden sagenhaften Leistung, das gesprochene Wort allein durch Beobachtung erlernt zu haben. Denn nichts anderes hat Julia getan, als sie Artikulation lernte: geschaut, wie sich Lippen, Zunge, Mimik, Kehlkopf ihrer Gegenüber beim Sprechen verhalten. Und versucht, dies zu imitieren – so gut, dass man sich mit Julia heute ausgezeichnet unterhalten kann. Außerdem hat ein Journalist ohnehin immer einen Block und was zu Schreiben dabei. Das hilft bei Grenzfällen des Verstehens.

Julia spricht nicht nur Deutsch, sondern auch Englisch und ein wenig Spanisch. Erlernt hat sie auch diese Sprachen durch genaues Beobachten und Nachahmung. Für mich, der ich geschlagene 14 Jahre benötigt habe, um mich halbwegs flüssig nur in Englisch, der einfachsten Fremdsprache, ausdrücken zu können, ist das schier nicht vorstellbar. Und eine von vielen gestellte Frage, die Julia selbst in ihrem Blog “Grenzgängerin” ausführlich beantwortet hat: “Wie hast du eigentlich sprechen gelernt?

Am Ende des Tages bleibt das gute Gefühl, mal wieder außerhalb von Newsroom und elektronischer Kommunikation etwas Neues erfahren zu haben. Ursprünglich einer der Gründe, warum ich Journalist werden wollte. Ohne soziale Netzwerke allerdings, und das ist die andere Seite, hätte ich Julia und ihre interessante Welt nie kennen gelernt.

(Südwest Presse vom 03.  Januar 2012: “Die Twitter-Welt schaut nach Neu-Ulm“)