2. Januar 2012

Schier nicht vorstellbar

Category: Journalismus und Internet — Tags: , , , , , , – Robert Dönges @ 00:06

Für die gedruckte Ausgabe des Mutterschiffs habe ich mich neulich mit der gehörlosen Julia Probst in Ulm zum Mittagessen getroffen. Julia kenne ich seit langem über Twitter; ich folge ihr sowohl auf ihrem privaten Nutzerkonto als auch ihrem offiziellen Alter Ego, @EinAugenschmaus. Gesehen und gesprochen, im real life, hatte ich sie jedoch noch nie. Zugegeben, mich beschlich zuvor leise Angst, ob ich sie verstehen würde; vor allem, weil ich das Video von ihr kenne, das Mia Meyer für die Netzkultur-Reihe 140 Sekunden mit ihr gedreht und mit Untertiteln versehen hat (http://www.timklimes.de/140sekunden/140-sekunden/einaugenschmaus).

Letztlich aber lief es viel einfacher, als ich befürchtet hatte. Natürlich ist es anstrengend, einem Menschen phonetisch zu folgen, der nie lernen konnte, seine Sprache zu modulieren, um allein damit die Wirkung seiner Aussagen zu steuern. Julia spricht immer sehr schnell und gleichmäßig hoch; wenn sie sich in Rage redet, wird sie noch schneller, gepresster. Das tritt aber in den Hintergrund angesichts der für mich Hörenden sagenhaften Leistung, das gesprochene Wort allein durch Beobachtung erlernt zu haben. Denn nichts anderes hat Julia getan, als sie Artikulation lernte: geschaut, wie sich Lippen, Zunge, Mimik, Kehlkopf ihrer Gegenüber beim Sprechen verhalten. Und versucht, dies zu imitieren – so gut, dass man sich mit Julia heute ausgezeichnet unterhalten kann. Außerdem hat ein Journalist ohnehin immer einen Block und was zu Schreiben dabei. Das hilft bei Grenzfällen des Verstehens.

Julia spricht nicht nur Deutsch, sondern auch Englisch und ein wenig Spanisch. Erlernt hat sie auch diese Sprachen durch genaues Beobachten und Nachahmung. Für mich, der ich geschlagene 14 Jahre benötigt habe, um mich halbwegs flüssig nur in Englisch, der einfachsten Fremdsprache, ausdrücken zu können, ist das schier nicht vorstellbar. Und eine von vielen gestellte Frage, die Julia selbst in ihrem Blog “Grenzgängerin” ausführlich beantwortet hat: “Wie hast du eigentlich sprechen gelernt?

Am Ende des Tages bleibt das gute Gefühl, mal wieder außerhalb von Newsroom und elektronischer Kommunikation etwas Neues erfahren zu haben. Ursprünglich einer der Gründe, warum ich Journalist werden wollte. Ohne soziale Netzwerke allerdings, und das ist die andere Seite, hätte ich Julia und ihre interessante Welt nie kennen gelernt.

(Südwest Presse vom 03.  Januar 2012: “Die Twitter-Welt schaut nach Neu-Ulm“)

2 Kommentare »

  1. Hallo Robert Dönges,
    danke für den schönen Blogbeitrag zu meiner Bloggerkollegin Julia :-)
    Wie Sie ihre Stimme beschrieben haben, dazu habe ich selbst auch einen passenden Blogbeitrag getextet:

    http://www.gehoerlosblog.de/allgemein/gehorlose-konnen-nicht-sprechen.htm

    Einen erfolgreichen Start für das Jahr 2012 wünsche ich uns allen.

    Herzlichst – die Gehörlosbloggerin
    Judith

    Kommentar by Judith Goeller — 2. Januar 2012 @ 19:23

  2. [...] Blogbeitrag über das Gespräch mit Julia auf zwei-dinge.de [...]

    Pingback by AnonymHost Anonym Webhosting - Die Twitter-Welt schaut nach Neu-Ulm — 3. Januar 2012 @ 06:37

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