30. Dezember 2011

Merkwürdig

Category: Allgemein — Tags: , , , , – Egbert @ 16:35
Beate Merk. Quelle: Wikipedia

Bayerns Justizministerin Beate Merk. Quelle: Wikipedia

In Deutschland darf man jemanden offiziell als “schuldig” bezeichnen, wenn er vom Gericht eines Vergehens für schuldig gesprochen ist. Solange das nicht passiert ist, gilt die Unschuldsvermutung entsprechend Art. 11 der Erklärung der Menschenrechte: „Jeder Mensch, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, ist solange als unschuldig anzusehen, bis seine Schuld in einem öffentlichen Verfahren, in dem alle für seine Verteidigung nötigen Voraussetzungen gewährleistet waren, gemäß dem Gesetz nachgewiesen ist.“

Bayerns Justizministerin Beate Merk, immerhin eine promovierte Juristin, pflegt einen merkwürdigen Umgang mit der Unschuldsvermutung. Da hat die Augsburger Polizei aufgrund von DNA-Spuren zwei Männer gefasst, die sie des Mordes an einem Polizisten verdächtigt, und von beiden ist nicht einmal ein Geständnis bekannt, was man wenigstens braucht, um jemanden landläufig als “schuldig” zu bezeichnen. Und was macht Merk? Sie spricht von der noch bestehenden Unschuldsvermutung, wie mehrere Medien berichten, dann gratuliert sie der Polizei zur “Aufklärung eines feigen und brutalen Verbrechens“.

Was denn jetzt? Unschuldsvermutung? Oder Aufklärung? Aufklärung setzt ja eine begründete Schuldvermutung voraus, denn wenn keiner der beiden Festgenommenen des Mordes schuldig gesprochen werden kann, ist ja nichts aufgeklärt.

Vielleicht ist es für eine bayerische Justizministerin nicht ganz einfach, den Weg zu finden zwischen demokratischer Geradlinigkeit, die das Amt verlangt, und beifallheischender Beschlagenheit, mit der man vielleicht hofft, parallel zu Volkes Denke zu reden. Aber ein so schlicht gestricktes “Jein” muss es dann doch nicht sein. Schon gar nicht in einem Land, in dem jeder weiß, dass die Rede “Ja, ja” oder “Nein, nein” sein soll und nicht beides gleichzeitig.

26. Dezember 2011

Ein paar Gedanken zu Jopie Heesters

Category: Allgemein — Tags: , , , , , – Robert Dönges @ 00:46

“Mööcht ich wärrden hundertdrreissich Jahr!” Na, dafür hat es nicht ganz gereicht. Im Alter von 108 Jahren ist der Schauspieler Johannes “Jopie” Heesters an Heiligabend in einer Klinik am Starnberg entschlafen. Das halbe Berufsleben lang war sein Spruch von den “hundertdrreissich Jahr” ein Running Gag von uns. Damit ist es nun vorbei.

Der alte Running Gag geht nicht mehr. Wenn man das so sagenschreiben darf.

Das Ende war abzusehen. 2003, am Tag nach seinem 100. Geburtstag, hatte der gebürtige Niederländer bei Thomas Gottschalk auf der Couch gesessen und versprochen, fünf Jahre später wieder zu kommen. Tatsächlich war der “Grandseigneur der Operette” im Dezember 2008 erneut zu Gast bei “Wetten, dass..?“. Und wieder versprach er, fünf Jahre später ein weiteres Mal bei Gottschalk zu erscheinen. Doch mit dessen Abgang von “Wetten, dass..?” vor wenigen Wochen war klar, dass Jopie sein Versprechen nicht mehr würde erfüllen können.

Kein Grund mehr also, das Leben weiter zu leben.

Mit Jopies Ende wird auch die Geschichte eines bestimmten, uralten Fotos nie geschrieben werden. Es ist im Besitz eines Bekannten und es zeigt einen jungen Johannes Heesters, damals schon ein berühmter Bühnen- und Leinwand-Star, als Besucher in Blaubeuren. Selbst gesehen habe ich das Privatfoto nie, nur von ihm gehört. Irgendwann einmal wollten wir die Aufnahme ausgraben aus knarzenden Kisten oder vergilbten Alben und für die Zeitung beschreiben, wie das wohl war, damals, 1936, als der Jopie in Ulm reüssierte.

Jetzt ist’s zu spät dafür.

Eine subtile Genugtuung jedoch hat sich der zuletzt blinde Sänger noch gegönnt. Der Schauspieler trat ausgerechnet am 24. Dezember ab, der heuer auf einen Samstag fiel. Damit erschienen die Würdigungen seines langen Lebens ausschließlich in den wenigen, überregionalen Sonntagszeitungen, die (wenn überhaupt) am ersten Weihnachtsfeiertag herauskamen. All die anderen Nachrufe aber, die seit langem vorformuliert und alljährlich penibel aktualisiert in den Schubladen der Redaktionen auf Heesters Ableben warteten, die waren allesamt umsonst geschrieben. Eine kleine, feine Rache an uns Redakteuren, die wir jahrelang Witze um seine Lebenserwartung gerissen haben.

Gut gemacht, Jopie. Tot ziens (Lebewohl).

"Da geh' ich ins Maxim..." Der Grandseigneur, mit Thomas Gottschalk (Foto: dpa)

"Da geh' ich ins Maxim..." Der Grandseigneur, mit Thomas Gottschalk (Foto: dpa)

16. Dezember 2011

Einkaufen, neu erfunden

Category: Journalismus und Internet — Tags: , , , , – Robert Dönges @ 14:40

Was für eine grandiose Idee: Den Kunden nicht in den Supermarkt zu schicken, sondern den Supermarkt zum Kunden! Bevorzugt an einen Ort, an dem Menschen ohnehin nicht wissen, was sie gerade tun sollen – weil sie nämlich auf den Zug warten.

In Südkorea hat der Discounter “Home plus“, eine Tochter der globalen Handelskette Tesco, große Werbetafeln mit Bildern seiner Warenregale in den U-Bahn-Stationen aufhängen lassen. Unter jedem Produkt prangt ein QR-Code, den der Kunde mit seinem Smartphone aufnehmen (scannen) und damit erwerben kann. Ein Lieferservice bringt den Einkauf danach zur gewünschten Uhrzeit bis an die Haustür.

Die Kunden überbrücken ihre Wartezeiten auf sinnvolle Weise, ersparen sich den Weg und die Hetze ins Einkaufszentrum. Und der Konzern, der sich damit vor allem den Bau neuer Supermärkte ersparen wollte, feiert einen großen Erfolg: Der Umsatz der täglichen Einkäufe via Smartphone stieg laut Unternehmen um 130 Prozent.

14. Dezember 2011

Alles Gute, Mike

Category: In Ulm und um Ulm — Tags: , , , , – Robert Dönges @ 16:53

Denkt man an wichtige Persönlichkeiten, die aus Ulm gebürtig sind, fallen einem sofort ein: Albrecht Ludwig Berblinger, der Schneider von Ulm. Albert Einstein. Conrad Dietrich Magirus. Die Hoeneß-Brüder. Heute aber ist es an der Zeit, an einen weiteren, großen Sohn dieser Stadt zu erinnern: Michael Friedrich Wilhelm Krüger.

Der berühmte Poet und Minnesänger erblickte exakt an diesem Tag vor 60 Jahren in Ulm das Licht der Welt. Dem Vernehmen nach zwar lediglich auf der Durchreise seiner Eltern nach Hamburg, aber: egal. Ihm zu Ehren haben die obersten Herren dieser Stadt einen Büchertempel errichten lassen, dessen äußere Gestaltung einem in der Tat hervorragenden Körpermerkmal des Barden nachempfunden wurde.

Im Gegenzug hat der “Mike”, wie er von Fans und Plattenfirma genannt wird, einem Turm der Pauluskirche in seiner Heimatstadt ein Liebeslied gewidmet: “Der Nippel”.

5. Dezember 2011

Adventskalender

Gefühlte 80 Prozent aller Internet-Dienstleister Deutschlands haben in diesen frühen Dezembertagen alle die gleiche, tolle Idee: Sie wollen ihre Kunden froh und glücklich machen. Auch mich. Zu diesem Zweck haben sie auf ihren Webseiten Adventskalender eingerichtet und erinnern mich nun täglich daran, nicht zu vergessen, eines ihrer virtuellen Türchen zu öffnen. Damit ich ja nichts verpasse von ihren überraschend unglaublichen Angeboten.

Wirklich eine ganz tolle Idee.

So habe ich jeden Morgen die Auswahl zwischen einer extrem günstigen Hotelübernachtung in einer der angesagtesten Metropolen Europas; einem von 24 hochinteressanten, im Preis sehr reduzierten Sportartikeln; einem täglich neuen, unverschämt günstigen Vorsorge-Angebot, um mein persönliches Versicherungsprofil zu vervollständigen. Dazu kommen weitere Offerten wie Einkaufsgutscheine, Fitnesstrainings, Wurstpakete oder Familienjahreskarten fürs städtische Hallenbad.

Dabei habe ich längst einen Adventskalender. Einen traditionellen (analogen). Hinter seinen gefalzten Türen verstecken sich lauter leckere kleine Schokoladenquadrate. Es hätte, so habe ich im Handel gesehen, auch Weihnachtswartezeitverkürzer anderen Inhalts gegeben: Gummibärchen etwa. Oder Lego-Figuren. Oder Schnapspralinen. Oder Bierdosen. Aber, egal: Mein Schoko-Adventskalender war ein Geschenk. Und einem geschenkten Gaul haut man nicht aufs Maul!

Außerdem fahre ich jeden Abend auf dem Weg nach Hause an Ulms allertollstem Adventskalender vorbei. Er steht in der Blaubeurer Straße, vor der Ponte Bordello zum Eselsberg, und hinter jedem seiner Fenster wartet eine andere Überraschung.

Ulms größter Adventskalender in der Blaubeurer Straße

Ulms größter Adventskalender in der Blaubeurer Straße