26. Oktober 2011

Die Ulmer Höh' von oben - Foto: Google
Wenn der durchschnittliche Ulmer an Düsseldorf denkt, dann fällt ihm vermutlich als erstes “die längste Theke der Welt” ein – dank des Altbierlieds, mit dem die Toten Hosen 1986 der Altstadt ihrer Düsseldorfer Heimat ein grölendes Denkmal gesetzt haben. Fragt man umgekehrt jedoch den gemeinen Düsseldorfer, was ihm als erstes zum Stichwort Ulm einfalle, dürfte die Antwort deutlich weniger euphorisch ausfallen. Als “die Ulm” ist in der Rheinstadt vor allem das städtische Gefängnis bekannt: Ein gutes Jahrhundert war der von einer wuchtigen Mauer umschlossene Bau im Stadtteil Derendorf die erste Adresse für Tausende Knastbrüder, die hier ihre Strafe absaßen.
Doch in genau 100 Tagen verebbt die Ära der gesiebten Luft, das Ende der Ulmer Höh’ naht: Am 3. Februar, binnen nur 24 Stunden, werden die derzeit rund 500 Inhaftierten von Derendorf in den Neubau nach Ratingen verlegt. Bereits Geschichte ist das “Ulmer Echo“, das 35 Jahre lang vom Alltag hinter schwedischen Gardinen berichtete. Die von Düsseldorfer Strafgefangenen produzierte Knast-Zeitung wurde 2010 eingestellt.
Mit der alten Justizvollzugsanstalt dürfte auch der liebevolle Spottname Ulmer Höh’ verschwinden, der in der Geschichte der Stadt offiziell nie Verwendung fand. Denn der Ausdruck leitet sich nicht von der 388 Kilometer Luftlinie entfernten Donaustadt Ulm ab – sondern vielmehr von der Adresse Ulmenstraße 95, an der die Häftlinge jahrzehntelang residierten, in direkter Nachbarschaft der Rheinmetall AG und schräg gegenüber der Schenke “Ulmeneck”. Wo künftig die frisch entlassenen Ex-Knackis ihr erstes Bier in Freiheit trinken werden, ist ungewiss.
Sicher dagegen ist, dass die Geschichte der Ulm als Haftanstalt enden wird. Vielleicht jedoch wird der Name als Quartier weiter bestehen: Das Düsseldorf Rathaus beabsichtigt, das Gelände der alten Haftanstalt, immerhin dreieinhalb Hektar groß, in eine Wohnanlage umzuwandeln. Nicht die schlechteste Idee: Die Adresse “Auf Ulmer Höhe” hätte schließlich einen guten Klang. Sowohl für Ulmer als auch Düsseldorfer.
(Nachtrag: Dieser Text erschien am 5. November unter der Überschrift “Die Tage der Ulmer Höh’ sind gezählt” auch in der gedruckten Ausgabe des Mutterschiffs.)

Modell von "Little Boy", der Hiroshima-Atombombe. Foto: Wikipedia
Zahlenangaben aus einem Agenturartikel (dapd) vom 26. Oktober:
Die letzte große Atombombe der USA sei jetzt demontiert worden, sie “hatte eine Sprengkraft von neun Megatonnen und war damit 600 mal so stark wie die Atombombe von Hiroshima”. Drei Absätze weiter: “Auf Hiroshima warfen die USA zum Ende des Zweiten Weltkriegs eine Atombombe von 1,5 Megatonnen ab.”
Wir tun das, was jede Redaktion mit Zahlenangaben machen muss: prüfen. Also: 9 Megatonnen geteilt durch 600 macht 15 Kilotonnen. Nicht 1,5 Megatonnen. Den Widerspruch lösen wir auf, indem wir ins Internet schauen. Ergebnis: “Little Boy”, wie die Hiroshima-Bombe genannt wurde, hatte eine Sprengkraft von um die 15 Kilotonnen des Sprengstoffs TNT.
Die Redaktion schreibt also “Sprengkraft von 15 Kilotonnen” und fügt auch die Einheit, nämlich TNT, hinzu. Theoretisch tut sie also ihren Job. Die Wirklichkeit sieht anders aus, der Blick ins Internet frustriert: Ob FAZ.net, welt.de, derwesten.de und mehr (Stand 12.16 Uhr), die dapd-Meldung wird mit Fehler übernommen.
Eine andere Version bringen stern.de, freiepresse.de und andere, sie basiert auf einem Text der Nachrichtenagentur afp und ist nicht besser: “eine Sprengkraft von neun Megatonnen – ein Hundertfaches der Atombombe von Hiroshima.” Frage: Sind 9 Mt das Hundertfache von 1,5 Mt oder von 15 kt?
Auf die Gefahr, dass ich mich auf kurzer Strecke wiederhole: Wir tun das, was jede Redaktion mit Zahlenangaben machen muss: prüfen! Mal sehen, was am 27. Oktober in den Printausgaben steht.
23. Oktober 2011
„Die Freiheit, persönliche Überzeugungen zu äußern, wird zunehmend durch einen Zwang zu politischer Korrektheit eingeschränkt.“ Einen ziemlichen Unfug bringen manche Leute hervor. Um so schlimmer, dass der zitierte Ausspruch von einem Philosophen stammt, jedenfalls nennt er sich so, dem Robert Spaemann, einem Professor em. an der LMU.

Robert Spaemann. Foto: Jörg Noller, Wikipedia
Am Zwang politischer Korrektheit zu leiden, dahinter steckt nach meiner Einschätzung der Frust, nicht genügend gehört zu werden. Das ist dieser Underdog-Trieb, die vorherrschende Meinung als Belastung zu empfinden, der auch Spaemann erliegt. Er hat laut der Nachrichten-agentur KNA gesagt: „Die Freiheit, persönliche Überzeugungen zu äußern, wird zunehmend durch einen Zwang zu politischer Korrektheit eingeschränkt.“ – Merke: einen Zwang!
Und weiter wird er zitiert, in indirekter Rede: Überzeugungen dürften nicht verboten werden, denn durch Verbote werde eine Diskussion mit Argumenten verhindert, so Spaemann. Es müsse beispielsweise erlaubt sein, zu sagen, dass Homosexualität nicht der Normalfall sei, ohne dadurch in den Verdacht zu geraten, einer Kriminalisierung der Homosexualität das Wort zu reden.
Nee, nee, Herr Philosoph Spaemann! Ihm ist nichts verboten worden und seinen Freunden, zumal denen aus dem Schülerkreis von Joseph Ratzinger, auch nicht. Spaemann hat laut Wikipedia allein 18 Bücher geschrieben. Dazu nicht zu zählende Veröffentlichungen in Zeitschriften, Leserbriefe, Interviews. Das ist „eingeschränkte Freiheit“? Er hat sagen und schreiben können, was er wollte. Das ist „Zwang zu politischer Korrektheit“? Nein, das fügt sich nicht ins Faktische ein, das ist Unfug.
Eigentlich hätte einem Philosophen (heißt das nicht „Freund der Weisheit“?) auffallen müssen, was er da redet. Erst recht, wenn er von „Verbot“ spricht und dann sagt, es müsse erlaubt sein (genau, Herr Spaemann, wir beide sind gegen Verbote!), zu sagen, dass Homosexualität nicht der Normalfall sei. Ja, was denn nun? Er hat‘s doch gesagt! Es hat ihm keiner verboten, und er war auch keinem Verbot (das es ja nicht gibt) gegenüber ungehorsam, und es wird ihm auch keiner nachträglich verbieten.
Vielleicht sollte man Spaemann auf den Satz vom Widerspruch hinweisen; er kennt wohl seinen Aristoteles nicht.
Aber es wird noch wüster. Spaemann nennt ja auch eine mögliche Folge seiner Aussage: „ohne dadurch in den Verdacht zu geraten, einer Kriminalisierung der Homosexualität das Wort zu reden.“ Jetzt sieht es so aus: Um ein Beispiel dafür zu geben, was zu sagen verboten sei, sagt er etwas, und dann gerät er in den Verdacht, damit jemanden einer noch als Straftat zu definierenden Eigenschaft bezichtigt zu haben.
Sowas ist ein Verbot? Indem er sowas von sich geben kann, wird sein „Freiheit, persönliche Überzeugungen zu äußern, eingeschränkt“? Oder meint er mit dem Wort “Kriminalisierung” vielleicht, es bedeutet, man mache sich strafbar? Dann sollte er seine Bibliothek mal zu Rate ziehen.
Nee, nee, Herr Spaemann, schweige er lieber. Das ist kein Verbot, sondern ein Ratschlag. Er aber wird das wahrscheinlich als Versuch einer Art Verbots wegen politischer Korrektheit, das zur Einschränkung seiner Freiheit führt, werten. Und weil ihn außerhalb seiner Kreise kaum jemand wahrnimmt, wird er sich weiter dem Trieb der Underdog-Philosophie hingeben, Mitleid gegen die böse Allgemeinheit zu erheischen – gegen den Zeitgeist, wie das unter seinesgleichen heißt. Er sei jedoch gemahnt – mit seinen eigenen Worten: „Wo aber Trieb ist, da beginnt die Differenz zum Faktischen.“
Ausführliche Version
19. Oktober 2011

Er machte nicht hinter sich sauber, sie nicht vor dem nächsten.
Ich fummele 50 Cent aus der engen Kleingeldtasche meiner Jeans, stecke sie in den Schlitz und die Sperre lässt mich durch in die Toilette des Ulmer Bahnhofs. Hier, im Keller, mit Toilettenfrau. Sie beugt sich, den Rücken zum Raum, über die BILD-Zeitung, die auf einem Tisch liegt. Mich würdigt sie keines Blickes. Das Trinkgeld ist schon mal gestrichen.
Die Türen beider Kabinen sind geschlossen, aber nicht verschlossen, ich gehe in die linke und nehme den Rucksack vom Rücken. Die Türe ist noch offen, da sehe ich die handballengroße Pfütze vorne auf dem Schüsselrand. Hat wohl wieder einer im Stehen geschifft; ich drehe mich um, gehe raus, weshalb können die Schweine nicht drüberwischen!
Die Schüssel in der rechten Kabine sieht sauber aus, ich wische trotzdem mit Klopapier drüber, sicher ist sicher. Freundinnen haben mir erzählt, dass sie immer den gesamten Rand mit Klopapier dekorieren, bevor sie sich setzen. Falls sie sich überhaupt setzen; einige sagten, sie hockten nur drüber. Ich sollte mal drüber nachdenken, aber wie kann man im Hocken entspannen?
Als ich fertig bin, gehe ich zur Waschstelle. Die Toilettenfrau steht immer noch da, über die BILD-Zeitung gebückt, den Rücken zum Raum gewandt, schaut weder mich an noch den Mann, der gerade durch die Schleuse kommt. Soll ich sie ansprechen? Egal, erst einmal Hände waschen. Wasser und Seife funktionieren. Ein Stapel Papiertücher, einfache Ausführung, liegt auf der Ablage.
Rucksack auf den Rücken, ich gehe zur Schleuse. „Auf die linke Toilette hat wer gepisst!“, sagte ich – in den Rücken der Frau, was ich normalerweise nicht tue, aber sie beugt sich immer noch über die BILD, allem Geschehen den Rücken zugewandt. Die Antwort ist unverständlich, aber sie richtet sich auf.
Ich bin durch die Schleuse, gehe die Treppe hoch und frage mich, weshalb man diesen Job nicht ordentlich machen kann. Wir bezahlen doch dafür, dass die Toilette sauber ist. Dann muss man halt nachschauen, wenn die Kunden weg sind. Es ist nicht das erste Mal, dass ich das unterm Ulmer Bahnhof erlebe.
17. Oktober 2011
Der liebe Gott hat sich schon etwas dabei gedacht, als er beschloss, Redakteure schreiben und Wengerter (für Nicht-Schwaben: Winzer) Wein machen zu lassen. Was geschieht, wenn einer versucht, diese ungeschriebene Weisheit umzukehren, lässt sich prima am Etikett der Rotwein-Cuvée “Villa Gemmingen” des städtischen Stuttgarter Weinguts feststellen. Wer auch immer dessen Etiketten-Prosa textet, hat von deutscher Rechtschreibung mutmaßlich so viel Ahnung wie ich vom Keltern.

Eine "finessenreriche" Cuvée mit starker "Strucktur"
Dass die Fehler kein einmaliger Lapsus sind, beweist das Etikett des 2007 Cannstatter Zuckerle vom gleichselben Abfüller. Ein Rebensaft für “Freunde leichter halbtockener Trollinger-Weine”. Ein ganz besonderer Topfen also. In diesem Sinne: zum Wohle.

Für Freunde "halbtockener" Trollinger-Weine