30. September 2011

Jetzt surfen Telekom Kunden??
Ahnung von Rechtschreibung zu haben, das ist eine aussterbende Begabung. Das Schild “Autoreperatur” am Straßenrand, die Aufschrift “Vöringen” auf dem Firmenauto, die Schreibweise “DaimlerChrysler”, mit der krampfhaft verbunden wurde, was weder inhaltlich noch formal zueinander gepasst hat, das FeministInnen-Kauderwesch, die Lücken Frei Lass Schreibweise: alles Käse.
Großen Käse verzapfen im Moment mal wieder die Werbetexter der Telekom. Für das iPad 2 werben sie mit dem Spruch “Jetzt surfen Telekom Kunden zum Nulltarif.” Vermutlich ist gemeint, dass die Kunden surfen sollen (wer auch sonst?). Aber dann müsste es “Telekom-Kunden” heißen, die Wörter also mit einem Bindestrich verbunden werden (der heißt deshalb auch so). Oder “Telekomkunden”, zusammengeschrieben ohne Bindestrich.
Der gelegentlich als – natürlich rein subjektiv – merkwürdig empfundene Umgang der Telekom mit ihren Kunden könnte natürlich auch etwas anderes implizieren. Dass nämlich die Telekom mit ihren Kunden surfen will. Dem Pluralis Majestatis Telekom das Pluralprädikat “surfen” voranzustellen, das ergibt in dem Zusammenhang durchaus Sinn: Ihre Majestät, die Telekom, surfen ihre Kunden zum Nulltarif.
Zugestanden, jemanden zu surfen ist inhaltlich nicht sehr gehaltvoll. Neuhochdeutsch: Mangel an Content. Aber wer kann zum Nulltarif schon Content verlangen? (Außer der Piratenpartei . . .). Dennoch scheint diese Interpretation des Werbetextes die glaubhaftere zu sein, würde ein so geschätztes Unternehmen wie die Telekom ihren Kunden doch nicht das falsche Versprechen geben, sie könnten kostenlos surfen. Andererseits: Ein bisschen klingt die Aussicht, “Jetzt surfen Telekom Kunden” eher wie eine Drohung; wer weiß, was die unter Surfen verstehen. Surfen essen Kunden auf, wie Rainer Werner Fassbinder sagen würde.
Aber vielleicht ist das alles zu weit gedacht und die Werbetexter der Telekom sind gelernte Baden-Württemberger. Oder sie halten Sprachmüll (oder Müll Sprache?) einfach für cool. Wie auch immer: Mir stellt sich die Frage, weshalb die Wörter auf der Homepage der Telekom richtig geschrieben sind – von der “App-Idee” bis zum “F.A.Z.-Institut” – und in den Anzeigen Un fug ver zapft wird.
21. September 2011
„Ich fühle mich ein wenig unsicher“, sage ich zu Geneviéve. „Alle Jungs hier haben eine so gute Figur …“ Sie nickt. „Geht mir auch so.“Geneviéve Laurendeau ist die Öffentlichkeitsfrau der Show „Alegría“, die der „Cirque du Soleil“ von September bis November in Deutschland aufführt. Sie sagt mir in der Porsche-Arene in Stuttgart alles, was ich wissen will oder sollte, um diesen internationalen Zirkus — ist das wirklich das richtige Wort? – verstehen zu können. Sie führt mich backstage, gibt mir Kaffee aus, besorgt mir den Interviewpartner.

"Power-Track"-Team mit Lars Kristensen beim Aufwärmen
Lars Kristensen heißt der junge Mann im blauen T-Shirt und schwarzen Shorts, der plötzlich auf einem der zwei schwarzen Backstage-Ledersofas sitzt und mich anschaut. Wie alle hier redet er Englisch – und versteht auch etwas Deutsch. „Sehr schön!“, wiederholt er, als ich später „Sehr schön“ sage. Er hat mir gerade erzählt, dass er eine Freundin hat – eine der Artistinnen der Show.
Lars ist Däne, 25 Jahre alt. Er hat die Schule abgeschlossen, war sechs Monate im Militärdienst und ist dann zur „Company“ gegangen, wie hier alle den „Cirque du Soleil“ nennen. Die „Company“ ist die große Famile, 5000 Leute stark, davon 1200 Artisten. In den USA und Kanada, wo sie ihren Ursprung hat, betreibt sie drei Theater. 22 Shows schickt sie gerade durch die Welt, die „Alegría“ läuft seit 1994.
Allein für die „Alegría“ sind 100 fest angestellte Leute im Einsatz, davon 55 Akrobaten. Der Tross reist mit 22 Lastwagen durch Deutschland. „Zehn Wochen, zehn Städte, dann zwei Wochen frei“, sagt Geneviéve. Sie ist seit drei Jahren dabei, Lars seit fünf. Er war 20, als er sich vorgestellt hat. Er ist gleich genommen worden.
Die Neuen werden in Montreal, dem Sitz des „Cirque“, fünf Monate lang auf die Show vorbereitet. Sie kommen buchstäblich aus aller Welt, entdeckt von den Scouts des „Cirque“, die sich auf nationalen und internationalen Sportwettbewerben aller Art umsehen und Leute gezielt ansprechen. Lars hatte sich mit 19 selbst beworben, er gehörte dem dänischen Tumbling-Nationalteam an, der Trainer hatte Kontakte zum „Cirque“.
„Ich bin dann gleich ein ganzes Jahr weg gewesen“, sagt Lars. „Für meine Mutter war das schwer.“ Hat keiner die Nase gerümpft, als er sagte, er gehe zum Zirkus? „Die Familie nicht, die wusste ja, wohin ich gehe.“ Bekannte hätten schon so Bemerkungen wie „Dann wohnst Du ja in Wohnwagen und im Stallgeruch“ gemacht. Aber er hat ihnen gleich klar gemacht, dass das nicht seine Welt ist. „Keine Tiere, keine Wohnwagen, selten Zelte.“
Der „Cirque du Soleil“ ist kein herkömmlicher Zirkus. Er mischt Akrobatik mit Theater, alle Künstler sind Artisten, eine Band spielt live, es gibt Gesang. Und Farbe – der Bühnenboden ist farbig, die Kostüme, das Licht. „Emotionen“, sagt Geneviéve, „wir wollen Emotionen hervorrufen!“ Die Show soll Fantasie anregen, soll die Zuschauer anrühren.
Für Lars ist das harte Arbeit. Seit fünf Jahren gehört er dem „Cirque“ an, seit einem Jahr ist er mitmachender Coach des dreizehnköpfigen „Power-Track“-Teams. „Das Management ist auf mich zugekommen, weil wir einen brauchten“, sagt er. Mit 25 hat er noch ein paar Jahre Akrobatik vor sich: Flickflacks, Salti, Schrauben, Sprünge – „Power Tracks“ eben. Der älteste Akrobat der Show ist 37. Nur der Clown ist älter: 42.
Und danach? „Mal sehen“, sagt Lars. „Die Company ist groß.“ Vielleicht braucht sie einen Coach, vielleicht einen Chefcoach, vielleicht jemanden für die Kreativabteilung, vielleicht jemanden für das Casting neuer Leute. So sieht das auch Geneviéve. „Der ,Cirque du Soleil‘ wächst“, sagt sie. „Gute Leute werden immer gebraucht.“
Geneviéve führt mich durchs Halbdunkel backstage. Ein schwarzer Vorhang trennt die 50 Meter breite Bühne vom Raum dahinter, und der ist beinahe genau so groß wie die Bühne. Mit Hantelbank, Trapezgerät, Tanzboden und allen möglichen anderen Trainingsgerät für alle Artisten. Ein langhaariger Asiate schwingt Keulen, ein Russe geht in den Handstand, zwei blonde Frauen unterhalten sich auf Französisch.
Vor den zwei schwarzen, über Eck stehenden Backstage-Sofas steht ein Flachbildschirm. „Einige Akrobaten schauen sich hier nach ihrem Auftritt immer gleich an, wie sie waren“, sagt Geneviéve. „Feedback ist hier enorm wichtig.“
55 Akrobaten, das macht von Mongolisch bis Flämisch ein Dutzend Sprachen. Verkehrssprache ist Englisch, aber in der Probe hört man auch viele Französisch sprechen. Kein Wunder, der Sitz der „Company“ ist Montreal im französischsprachigen Teil Kanadas, und alle Artisten werden dort gecastet und geschult.
„Es reicht nicht, zum Beispiel ein guter Bodenturner zu sein“, sagt Geneviéve. „Sie lernen dort Ausdauer – sie müssen ja zehn Wochen lang jede Woche fünf und mehr Shows durchhalten.“ Und sie lernen Tanzen, Singen, wie man Emotion rüberbringt, wie man eine Rolle spielt, wie man sich schminkt. „Bis das perfekt klappt, brauchen manche anfangs fünf Stunden. Jetzt kriegen sie es in 50 Minuten hin.“

"Power-Track"-Team in der Probe für die Show „Alegría"
Das Interview mit Lars ist vorbei, der „Power-Track“ probt. Höher und schneller werden die Sprünge, Salti, Schrauben und schneller die Flickflacks, nach einer Viertelstunde haben sich alle eingesprungen auf den zwei 30 Meter langen Trampolins, die über Kreuz in den Bühnenboden eingelassen sind. Die sieben Männer und sechs Frauen, 18 bis 30 Jahre alt, verbreiten gute Laune, scherzen miteinander, necken einander. Lars korrigiert Haltungen, ermuntert seine Leute. Häufig steht Igor Arefiev, der Chefcoach der Show, in seiner Nähe und schaut zu.
Fünf, sechs Meter hoch springen die Männer ihre Mehrfachsalti, die Frauen rasen flickflackend über das Trampolin. Wenn sich mal jemand verletzt? Vor oder während der Vorstellung? „Dann muss ich improvisieren“, sagt Lars. Das ist sein Job. Das Publikum bekommt seine perfekte Show.
Ohnehin ist die Choreographie nicht jeden Abend gleich. „Die Athleten haben Spielraum, ihre Rolle zu interpretieren“, sagt Geneviéve. „So haben sie Freude an der Arbeit, und die Freude, die Emotionen, die übertragen sich auf das Publikum.“
Das Aufwärmen ist nach 15 Minuten vorbei, danach 15 Minuten Probe für die Show. Jetzt sieht man auch die tänzerischen Elemente des Auftritts. „Der eigentliche Act für das ,Power-Team‘ ist nach sieben Minuten vorbei“, sagt Lars. Aber es ist die gesamten zwei Stunden einer Show im Einsatz. Danach wird die Kleidung gewaschen – ein halbes Dutzend großer Waschmaschinen steht backstage, daneben Trockner, Mangel und Kleiderständer.
Nach der Show machen die Athleten, was sie wollen. „Sie müssen für die nächste Show fit sein“, sagt Geneviéve. „Was sie sonst machen, ist ihre Sache.“ Lars macht sich jedenfalls einen weiteren Strich auf seine Liste. „Ich habe alle Auftritte gezählt.“ Nächste Woche ist sein 1500.