Ich mag Sushi. Manchmal. Je nach Tagesform und Magenzustand (gab’s morgens Frühstück oder doch nur wieder ‘nen doppelten Espresso) schmeckt das japanische Fingerfood entweder superlecker. Oder nach dem, was es ist: kalter Klebreis mit totem, rohem Fisch. Für Asiaten wahrscheinlich vergleichbar mit hiesigen Spezialitäten wie hartgekochtem Ei in Aspik. Auch das ist Geschmackssache. Gar nicht streiten dagegen lässt sich über diesen Werbeclip. Der ist nämlich echt süß. Vor allem sie.
Süße Sushi
Tipps fürs Wilhelmsburg-Theater
Nicht jeder hat das Glück, beim Open-Air-Theater auf der Ulmer Wilhelmsburg ein entspannendes Kulturevent in Kombination mit einem warmen Sommerabend erleben zu dürfen. Unsere “WiBu”-Premiere am Wochenende etwa war ein Schlag ins Wasser. Nicht unter kulturellen Gesichtspunkten, im Gegenteil: “Cyrano de Bergerac” bietet Unterhaltung, Kurzweil und Tragik. Ein reines Drama dagegen war das Wetter – es regnete derart heftig, dass die Aufführung unterbrochen werden musste. Außerdem wurde es nach 23 Uhr verdammt kalt da oben auf 470 Meter Höhe.
An einen Regenschirm, Fleece-Decken oder einen Taschenwärmer hatten wir als WiBu-Anfänger natürlich nicht gedacht. Damit es anderen Neulingen nicht genau so ergeht, hier ein paar hilfreiche Tipps für den erfolgreichen Theaterbesuch.
Anreise: Das Theater Ulm hat einen kostenlosen Bustransfer vom Firmenparkplatz des Unternehmens Müller in Ulm-Jungingen hin zum Veranstaltungsort organisiert. Die Shuttlebusse fahren nacheinander ab, sobald sie voll sind, und transportieren die Theatergänger auf abenteuerlichem Feldweg bis vor die Wilhelmsburg. Perfekt!
Verpflegung: Das kulinarische Angebot erinnert ein wenig ans Ulmer Volksfest – will heißen, es hält sich in Grenzen (immerhin gab es Glühwein im Angebot!). Seine Feuerwurst sollte man sicher nicht während der Vorstellung spachteln. Das Glas Wein darf der Zuschauer jedoch durchaus mit auf die Plätze nehmen – wir haben nachgefragt. Die Kehrseite: Es gibt keine wackelfesten Abstellflächen – man muss das Glas oder die Flasche ständig in der Hand halten.
Outfit: Es mag der gängigen Kleiderordnung für einen Theaterbesuch widersprechen. Aber für die WiBu empfiehlt sich festes Schuhwerk gegen die Kälte von unten, warme Kleidung (Zwiebelschalenprinzip) und unbedingt ein Regenschutz. Obwohl die Sitzplätze erhöht und überdacht sind, wird man an den Rändern der vier Tribünenblöcke sowie in den ersten Reihen nass, wenn sich zum Regen auch noch ein fieser Wind gesellt.
Blasenschutz: Unbedingt ans Herz zu legen sind dem WiBu-Beginner ein Sitzkissen oder eine polsternde Decke fürs Gesäß, eventuell ergänzt durch einen Nierengurt, wie ihn etwa Motorradfahrer tragen. Erfahrene Sommertheater-Besucher erkannten wir an dem Gepäck, das sie mit sich herumschleppten und die der Ausrüstung für einen mehrtägigen Campingausflug kaum nachstand.
Persönliche Prognose: Für nächstes Jahr sehe ich uns schon wie Eskimos ausstaffiert erscheinen. Derweil das Klima eine tropische Nacht zelebrieren wird.
Sommertag in Ulm
Hab gerade mit Blick nach draußen in einem Ulmer Schnellrestaurant meines heutigen Vertrauens ges/gessen. Dabei habe ich unter anderem Folgendes beobachtet:
- Eine sehr attraktive Frau Mitte/Ende 20 in 7/8 Jeans, deren offene, lange, schwarze Haare ihr bis zu den Kniekehlen reichten.
- Einen Mann so um die 40 in gelben Boxershorts und mit einer rosa Schildmütze, der einen weißen Pit-Bull Gassi führte. Die Hündin war so fett, dass ihr Bauch mit den Zitzen fast auf dem Boden schleifte.
- Einen jungen Mann offensichtlich südeuropäischer Abstammung, der in Shorts, mit Bauchtasche und Sonnenbrille in einem anthrazitfarbenen Mercedes-Benz vorfuhr, um sein Mittagessen abzuholen. Der Wagen stand, drinnen die Freundin, draußen der Warnblinker, während dieser Zeit im Halteverbot an der Ecke Platzgasse/Frauengraben.
- Zwei junge Asiatinnen, die breitbeinig wie Cowboys die Platzgasse hinabliefen. Beim genaueren Hinschauen stellte sich heraus, dass beide Frauen beim Gehen die Fußspitzen nach außen drehten. Darum der seltsame John-Wayne-Gang.
- Einen weiteren Mann Anfang 20 südeuropäischer Herkunft, der in Shorts, mit Sonnenbrille und einem älteren, dunklen Mercedes ebenfalls mit Warnblinker vorm Schnellrestaurant anhielt, um Essen zu holen.
- Eine schwarzafrikanische Großfamilie in Gänseformation, bestehend aus den Eltern und sechs Kindern. Vorweg lief der Vater. Dahinter schob die Mutter den Buggy mit dem feisten Kleinsten. Dahinter liefen die drei Brüder, den Abschluss bildeten die zwei Töchter. Der Junge im Buggy schlief. Sein Kopf war zur Seite geneigt und er sah exakt so aus wie der Vater.
- Eine ältere, gepflegte Dame im dunkelroten Kostüm, die vom Gerichtsgebäude herüberstöckelte. Ihre Sonnenbrille hatte orangene Gläser.
- Noch einen südeuropäischen Jüngling im schwarzen – richtig: Mercedes. Er parkte, ohne Warnblinker, im Halteverbot auf der anderen Seite des Frauengrabens, bevor er, unten kurze Hose, in der Mitte Bauchtasche, oben Sonnenbrille, lässig ins Schnellrestaurant latschte.
All diese Beobachtungen führten mich zu drei Thesen. Erstens: Die alte E-Klasse ist der neue 3er BMW. Zweitens: Die prolligen Bauchtaschen aus den Achtzigern sind wieder up-to-date. Und drittens: Ulm kann unglaublich bunt sein. Wenn Sommer ist.
Kindheiten
Kreta, 1971
Als ihre Mutter starb, war Argiroula acht Jahre alt. Sie war das jüngste von sieben Kindern und das einzige Mädchen. Der Tag, an dem die Familie die Mutter zu Grabe trug, bedeutete das Ende ihrer Kindheit. Am Morgen nach der Beerdigung hackte Argiroula Brennholz für den Herd, holte Wasser aus dem Brunnen, ging in die Küche, setzte einen großen Topf Wasser auf und begann zu kochen. So, wie sie es bei ihrer Mama gesehen hatte. “Es hat mir keiner gesagt. Aber ich wusste, dass ich jetzt ihre Rolle übernehmen musste.” Danach machte sie das Haus sauber. Am Abend, als ihr Vater und ihre Brüder von der Arbeit zurückgekehrt waren, servierte sie ihre erste selbstgekochte Mahlzeit: eine große Schüssel nackter Nudeln. Die Achtjährige hatte fast alles richtig gemacht, nur eines vergessen. Die Männer aßen schweigend. Dann bedankte sich der Vater bei seiner Tochter für das Essen und sagte: “Das nächste Mal, nimm Salz.”
Seit jenem Tag hat Argiroula ihr Leben lang gekocht und geputzt. Anfangs für ihren Vater und ihre Brüder; später für ihren Mann, ihre drei Kinder. Und weiterhin für ihren Vater, bis heute. Erzählt hat sie mir ihre Geschichte vor zwei Jahren, lächelnd, ohne jede Verbitterung. Argiroula ist Jahrgang 1963 und lebt auf Kreta. Eine Schule hat sie nie besucht. Ihre Tochter, Victoria, geht tagsüber aufs Gymnasium und abends auf eine private Fremdsprachenschule: Englisch, Französisch, Deutsch. Um den Unterricht zu bezahlen, putzt Argiroula auch im Hotel. Sie will, dass es der 16-Jährigen immer besser geht als ihr.
Günzburg, 2011
Sie wollte sich nur was zu essen machen. Also nahm die Zehnjährige die Nudel-Hartware aus der Packung, stellte sie in das Gerät, in dem auch Mama immer das Essen warm macht – und drehte die Mikrowelle an. Ohne Salz. Aber auch ohne Wasser. Es kann nicht lange gedauert haben, da begann die rohe Pasta zu qualmen. Die beißenden Schwaden breiteten sich rasch in den Räumen aus, die Nachbarin eilte zu Hilfe und auch die Feuerwehr rückte an, alarmiert vom Rauch, der aus der Wohnung in Ichenhausen im Kreis Günzburg drang. Glück im Unglück: Bis auf ein paar leichte Rauchvergiftungen ist nichts passiert.
Gelesen habe ich diese Geschichte heute im Pressebericht des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West. Ob sich die Zehnjährige je wieder zutrauen wird, Pasta zu kochen? Ich für meinen Teil zumindest habe, nachdem ich das eine gelesen und mich darauf an das andere erinnert habe, einen kleinen Vorsatz gefasst. Am Wochenende will ich meiner neun Jahre alten Tochter die Geschichte von Argiroula erzählen. Danach werde ich ihr zeigen, wie man richtig Spätzle macht. Für alle Fälle. Und mit Salz.


