“Malm”, “Klippan”, “Grevbäck”: Der Legende nach hat sich Ingvar Kamprad keine Zahlen merken können. Weshalb er den Artikeln seines schwedischen Möbelhauses die Namen von Orten und Städten verpasste.
Eine Idee, die in der Nachfolge großen Anklang fand: Offenbar halten es Unternehmen und Designer für très chic, ihre Produkte mit Ortsnamen zu versehen. Auch der Donaustadt bleibt dieses Los nicht erspart. Wer bei Google auf die Kategorie “Shopping” tippt, dem tut sich eine neue Welt auf – die der Verwendung des Begriffs “Ulm” im kommerziellen Sinne.
Screenshot der Google-Palette
Im Folgenden ein kleiner Streifzug durch die bunte Produktwelt, die von der Internet-Suchmaschine unter “Ulm” ausgespuckt wird. Von notwendigen bis zu banalen Dingen des täglichen Bedarfs ist für jeden Geldbeutel allerhand dabei, etwa:
die Küchenzeile Ulm in den vier modernen Farben Weiß, Buche, Mandarine und Burgund, einschließlich Dunstabzug, Backofen, Kühlschrank und Geschirrspüler für komplett 1.699,99 Euro;
ein Paar universeller Arbeitshandschuhe Ulm-Super aus schadstoffgeprüftem Schweinsnarbenleder, mit hohem Tragekomfort, weich gefüttert und in hochwertiger Anmutung – der Preis: 3,47 Euro;
das Fahrradcape Ulm, wahlweise in den Farbtönen Peperoni oder Tinte, mit versiegelten Nähten, Polyurethan-Beschichtung, Ärmelbündchen sowie rundum reflektierenden Elementen für reduzierte 38,95 Euro;
die Notebook-Tasche Ulm, in klassischem Schwarz, mit variablem Innenteiler, kleiner Kabeltasche und gummierten, stoßabsorbierenden Stellfüßen, um lediglich 69,99 Euro;
der Unisex-Schlupfschuh Ulm für den häuslichen Bereich, 100 Prozent Schurwolle, ungefüttert – 55,90 Euro inklusive kostenfreier Lieferung;
der Fernsehsessel Ulm in samtweichem Microvelours, pflegeleicht, fleckgeschützt, braun und mit hochwertigem Federkern, statt 699,- nurmehr 499,- Euro;
der Teppichboden Ulm (Meterware), Allergiker- sowie Fußbodenheizung-geeignet, robust, trittschallmindernd, antistatisch und einfach zu reinigen, der laufende Meter für 63,96 Euro;
der schlichte Anlehn/Absperrbügel Ulm aus verzinktem Stahl, in solider Bauweise für eine lange Lebensdauer, in drei Breiten und zwei Varianten erhältlich: entweder zum Aufdübeln oder zum Einbetonieren, pro Stück 145,56 Euro (Bruttopreis);
das wetterfeste Bartisch-Set Ulm, heruntergesetzt von 499,95 auf 399,95 Euro, für den Innen- und Außenbereich, bestehend aus 1 Stehtisch und 4 Hockern – da lässt sich zumindest ein Zusammenhang mit hiesigen Gemeinderatssitzungen erkennen;
sowie diverse Salz- und Pfeffermühlen Ulm, zwischen 34 und 44,95 Euro teuer. Hier immerhin ist ein Sinn in der Namensbezeichnung zu erkennen: Weiß und Schwarz sind auch die Farben der Donaustadt.
Nur im Sortiment von Invar Kamprads kleinem Möbelladen ist bisher ums Verrecken nichts mit dem Namen “Ulm” zu entdecken. Nicht einmal eine kleine Ulmer Schachtel.
Vor der Wahl ist ungleich nach der Wahl: Steht dem Südwesten ein Wechsel der Landesfarben bevor? (via @Hoefoll)
Quelle: http://plixi.com/p/81268047
(Erläuterung fürs Ortsfremde: Am 27. März wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag gewählt. Wenige Tage vor der Wahl droht den seit Jahrzehnten regierenden Christdemokraten (derzeit in einer so genannten schwarz-gelben Koalition mit der FDP) die Ablösung durch ein grün-rotes Bündnis aus Grünen und Sozialdemokraten.)
Schon, als ich vor wenigen Monaten meiner Verwunderung über hiesige Verhaltensweisen im Straßenverkehr Ausdruck gab, war mir insgeheim klar: du bist nicht allein!
Heute nun erreichte die Südwest Presse der Leserbrief eines weiteren Frisch-Ulmers (Neu-Ulmer kann ich aus landsmannschaftlichen Gründen nicht schreiben), der zwar seinem Ärger Luft macht, diesen allerdings nicht in der Zeitung veröffentlicht haben mag. Auch möchte er anonym bleiben; ein Gefallen, dem wir Herrn G. gerne tun. Wir dokumentieren sein Schreiben in Auszügen:
Als “Neigschmeckter” wundert mich dieses Verhalten des Herren, der eine Delle in das vermeintliche “Feindauto” getreten hat, überhaupt nicht. Hier in der Region herrscht ein manischer – und zum Teil schon pathologischer – Zwang bei einigen Autofahrern, völlig enthirnt andere Autofahrer mit aller Gewalt überholen zu müssen – und sei es ganz kurz vor einer roten Ampel. Hauptsache, der geneigte Ulmer/Neu-Ulmer kann sich so einen Vorteil in Form einer Pkw-Länge herausfahren, ganz egal, wie hirnrissig dieser Überholvorgang ist. Und wehe, man kommt solchen Zwangshandelnden in die Quere…
Besonders ist mir als gebürtiger Süd-Niedersachse die massive Aggression hier im Strassenverkehr aufgefallen: Da wird gedrängelt und genötigt, dass man glaubt, mitten in einer Psychiatrie gelandet zu sein. Das grundlegende Problem ist, dass sich gefühlte 80 Prozent vernünftig verhalten, während sich gefühlte 20 Prozent im Strassenverkehr wie die letzten – man entschuldige den Ausdruck – Arschlöcher benehmen.
Letzterer These erlaube ich mir in Teilen zu widersprechen: Schliessmuskelöffnungen auf den Straßen sind kein ulm-spezifisches Problem, sondern über die Grenzen der Donaustadt hinaus weit verbreitet. Beweise? Das Internet ist voll davon.
Heute vor einer Woche ist einer unserer Kollegen gestorben. Abends, beim Sporttraining umgekippt, “einfach so” – Herzinfarkt. Der alarmierte Notarzt kam vergebens. Henrik war bereits tot.
Gekannt habe ich ihn, wie ich viele kenne aus der Redaktion und aus dem Haus. Flüchtig. Wir haben uns geduzt, wir waren ja im ungefähr gleichen Alter und er war ohnehin locker, aufgeschlossen. Beim Vorübergehen, wenn wir uns trafen auf dem Flur, haben wir uns gegenseitig angegrinst. Das reichte meist als Kommunikation. Henrik kannte meinen Job, ich wusste, was er tat. Und dass er nebenher als Maler und Autor arbeitete. Wobei er beides wohl nie als Arbeit bezeichnet hätte.
Ich wusste auch, dass er erst vor wenigen Monaten geheiratet hatte. Dass er zwei Tage vor seinem Tod Geburtstag hatte, wusste ich nicht. Wie vieles nicht. Im Internet bin ich auf ein Kurzporträt von ihm gestoßen (wahrscheinlich hat er es sogar selbst verfasst): Henrik war nicht nur Journalist und Maler, einst war er auch Koch, Zimmermann, Hochzeitsfotograf, Boxer, Sänger einer Band. Und noch ein paar schräge Sachen mehr. Ein Kollege und guter Freund von ihm hat für unsere Zeitung einen zu Herzen gehenden Nachruf geschrieben. Auch die Kollegen von der Konkurrenz haben seiner ausführlich gedacht.
Als ich Mittwochmorgen erfuhr, dass Henrik tot ist, war meine erste Reaktion ungläubiges Entsetzen. Dem Entsetzen folgte Erschrecken, dem Erschrecken große Nachdenklichkeit. Trauer? Ich glaube, für Trauer kannte ich ihn zu wenig. Dennoch hat die Nachricht von seinem Tod alles relativiert. Zwei Tage lang.
Dann bebte vor Japan die Erde, überrollte ein Tsunami den Nordosten Nippons und in Fukushima begann ein Nuklearkraftwerk zu zerbröseln. Mehr als zehntausend Menschen sollen bisher in Japan gestorben sein. Jeder von ihnen ein Individuum, eine Figur wie Henrik. Noch viel mehr werden sterben, wenn das Undenkbare in Fukushima Realität wird: der Atom-Gau droht.