22. Oktober 2010

Kopflos

Category: Essen und Kochen,Journalismus und Internet — Tags: , , – Robert Dönges @ 15:52

Auf der Suche nach Inspiration, um symbolisch eine bekannte Ulmer Institution ohne Vorstand darzustellen, bin ich im Internet gerade auf die unglaubliche Geschichte von “Miracle Mike” gestoßen. Im Jahr 1945 lebte Mike als ein stolzer Hahn im mittleren Westen der USA und wartete vergnüglich auf das Ende seiner Tage. Endstation Kochtopf. Die nahte, als ihm sein Besitzer, der Farmer Lloyd Olson, auf die bis heute gängige Weise den Garaus machen wollte: Er hackte Mike den Kopf ab.

Natürlich weiß man, dass Hühner, die gerade geschlachtet wurden, noch nachzucken. Reine Nervensache. Und ehemalige Soldaten, die das Vergnügen hatten, während ihrer Dienstzeit bei der Bundeswehr einen Überlebenskurs zu besuchen, wissen oft vergnügliche Geschichten zu erzählen von zaghaften Kameraden, zuckenden Opferhühnern, stumpfen Messerhieben und der verzweifelten Suche nach dem Federvieh, das halbgeköpft in den Wald flüchtete.

Mike dagegen machte keine Anstalten zu fliehen. Ganz im Gegenteil. Er blieb. Und zwar am leben. Weitere 18 Monate lang. Ohne Kopf. Gefüttert und getränkt wurde er dabei direkt in die Speiseröhre (siehe Foto). Unglaublich.

Mike, der kopflose Gockel

Mike, der kopflose Gockel

Nachtrag I: Vorauseilend distanziere ich mich von dem Vergleich, dass damit bewiesen worden sei, ein Betrieb könne sehr gut ohne Führung funktionieren.

Nachtrag II: Im Internet findet sich auch die Anleitung, wie man ein Huhn richtig schlachtet. Ich möchte dies unter dem Aspekt “praktische Lebenshilfe” notiert wissen. Ist nicht despektierlich gemeint. Gegenüber dem Huhn, meine ich.

Entrüstet Euch

Category: Allgemein,Journalismus und Internet — Tags: , , , , – Robert Dönges @ 09:54

Plastinator Gunther von Hagens zwischen zwei Skeletten (Archivfoto: dpa)

Plastinator Gunther von Hagens zwischen zwei Skeletten (Archivfoto: dpa)

Gunther von Hagens, der seit Jahren Geld und Aufmerksamkeit auf sich zieht, weil er in Kunststoff haltbar gemachte Leichen zeigt, hat angekündigt, Anfang November einen Online-Shop zu eröffnen. Verkauft werden sollen, unter anderem, speziell präparierte Teile toter Menschen. Erwartungsgemäß schlagen nun die Wogen der Empörung hoch, entrüsten sich Bischöfe, Bürgerschaft und die BILD-Zeitung über den Mann, der Deutschland mit seiner Schau “Körperwelten” das Gruseln lehrte.

Wieso eigentlich?

Wir tragen Pelzmützen und laufen in Lederschuhen. Wir kleben uns Echthaar-Extensions an den Kopf und schmieren uns Urin-Creme auf die Falten. Wir lassen uns künstliche Diamanten aus der Asche unserer lieben Verstorbenen verstorbenen Liebsten pressen und sind dankbar, wenn schwerkranken Menschen die Innereien toter Organspender eingepflanzt werden. Im Urlaub sammeln wir Muscheln am Strand, kaufen uns Schmuck aus versilberten Seepferdchen und Armkettchen aus roten Korallen. Schon unsere Vorfahren waren mit Tierzähnen behängt und noch unsere Großmütter haben sich voller Stolz tote Füchse um den Hals gelegt.

Da können wir uns heute auch plastinierte Bullenhoden an die Ohrläppchen hängen oder konservierte Raucherlungen auf den Schreibtisch stellen. Wenn wir das wollen. Es ist schließlich keiner dazu gezwungen. Was also soll die Pseudo-Aufregung?

18. Oktober 2010

Kleiner Fehler, große Wirkung

Category: Allgemein,Journalismus und Internet — Tags: , – Steffen Wolff @ 15:17

Wer ein offizielles Schreiben erstellt, sollte auch auf die Details achten. Oder den entsprechenden Text vor dem Abschicken an den Empfänger noch einmal ganz genau lesen.

Das wäre sicherlich auch beim Erstellen der Einladung zur Jahresfeier der TSG Söflingen besser gewesen, die die Online-Redaktion heute erreicht hat. Adressiert an Herrn Steffen Wolff steht dort im ersten Satz: Sehr geehrte Frau Wolff!

Liebes TSG Söflingen, das hätte nicht passieren dürfen!

Noch viel gravierender war der Fehler im Bewerbungsschreiben einer jungen Dame, die sich in der Online-Redaktion der SÜDWEST PRESSE mit den Worten “Hiermit bewerbe ich mit um ein Praktikum bei der Neu-Ulmer Zeitung” qualifizieren wollte – und sich damit selbst disqualifizierte.

Merke: Auch kleine Fehler können große Wirkungen erzielen.

15. Oktober 2010

Ekelig

Category: Allgemein,Familie und Frauen — Tags: , , , , , , – Robert Dönges @ 17:29

Manche Menschen feuchten gedankenverloren ihre Finger an, bevor sie die nächste Seite eines Buches oder einer Illustrierten umschlagen. Das kann man tolerieren.

Es gibt Eltern, die schlabbern ohne Skrupel den Schnuller sauber, der ihrem Baby gerade aus dem Mund gerutscht ist. Damit kann ich leben – solange ich es nicht genau so machen muss.

Andere Eltern stecken sich das angelutschte Stück Brezel, an dem ihr Kleinkind nicht mehr nagen mag, in den eigenen Rachen. Auch da kann ich wegschauen. Und ich habe mich sogar daran gewöhnt, dass unsere Tochter, zwei Jahre alt, im Sandkasten ab und an eine Handvoll Gesteinskörnchen einwirft. Das, sagt der Kinderarzt, fördere die Verdauung und stärke die körpereigenen Abwehrkräfte: “Sieben Kilo Dreck im Jahr sind gesund!” Na, dann.

Aber es gibt Dinge im Verhalten mancher Zeitgenossen um mich herum, die bleiben einfach – widerwärtig. Oder, um es mit den Worten meiner kleinen Tochter zu sagen: “Dasiss eeeeegelich!”

Heute mittag in der Leseecke des Foyers der SÜDWEST PRESSE, Ulm. Eine betagte Dame sitzt, den Zeitungshalter in den Fingern, neben ihrer Henkel-Handtasche auf der hochwertigen Klippan-Couch und studiert unser Blatt. Dann muss sie plötzlich niesen. Da ihre beiden Hände die Gazette halten, niest sie notgedrungen mitten hinein in das bedruckte Papier vor ihrer Nase. Der Auswurf ist so nass, dass man vom gläsernen Treppenhaus aus (meinem Standort) die runden, dunklen Flecken auf der Zeitung sehen kann. Was die Seniorin entweder nicht bemerkt und/oder nicht stört. Sie blättert seelenruhig einfach eine Seite weiter.

Das erinnert an eine Episode aus dem Pressehaus Stuttgart, meinem früheren Arbeitsplatz. Dort stand einst ein Besucher mittleren Alters, Krawatte, Jacket, vor mir sinnierend vor der Liftanlage, den Gebäudeplan studierend, um dann seinen Zeigefinger einmal abzulutschen und damit zielsicher den Aufzugsknopf zu drücken.

Das Fiese daran: Selbst heute noch denke ich an diesen nassgesabberten Finger, wenn ich, egal wo, einen Fahrstuhl heranholen muss.

14. Oktober 2010

Körperlich unangenehm

Category: Allgemein — Tags: , , , – Robert Dönges @ 18:00

Ein nie versiegender Quell der Überraschungen ist immer wieder die Rubrik Kleinanzeigen auf unserem Mutterschiff. Die Sparte fungiert offenbar als Forum der Frechheiten auf der Suche nach Geld, Reichtum, Besitz.

Nachdem hier unlängst der plumpe Versuch angeprangert wurde, sein Vermögen durch das Abfischen alter, aber gültiger Geldscheine zu mehren (was mir netterweise einen Neuwagen bescherte), fällt in dieser Woche der unmoralische Vorstoß auf, per Annonce gleichzeitig zu viel Kohle und einem unbezahlten Babysitter zu gelangen.

Dabei richten sich mir bei annähernd jedem der verwendeten Begriffe die Nackenhaare auf: “Alt, allein, vermögend” – “deutsche Familie” – “Unterstützung für Eigenheim” – “Familienanschluss“. Wie dreist muss man drauf sein, um so einen Text zu formulieren. Oder, noch viel schlimmer: Wie naiv? allein? verzweifelt? müssen die sein, die tatsächlich versucht sind, auf diese Anzeige zu reagieren.

Die Antwort mag ich lieber nicht wissen. Oder bin ich nur ein antiquierter Moralapostel, der kaltschnäuzig mit keck verwechselt? Motto: man darf’s ja wohl mal probieren?