Wir sind etwas angefressen. In Brasilien, dem Land unseres potentiellen Finalgegners, lacht man über den deutschen Bundestrainer Joachim Löw. „Globo“, der größte TV-Sender Brasiliens, habe den sichtlich nervösen Coach gezeigt, wie er am Sonntag während des Spiels gegen England auf der Trainerbank intensiv mit dem Zeigefinger in der Nase bohrte, vermeldete die Deutsche Presse-Agentur (dpa) leicht süffisant. Mehr noch: “In der Bildsequenz, die zweimal vor einem geschätzten Millionen-Publikum wiederholt wurde, führte Löw das Ergebnis seiner „Bohrung“ nach einem kurzen Seitenblick zu seinem Assistenten Hansi Flick anschließend zum Mund.”
Was soll die Aufregung? Es handelt sich hierbei um ein völlig verständliches, högschd menschliches Verhalten des Stress-Abbaus. In der (Sport)Psychologie kennt man es als “Übersprungshandlung”. Es dient vor allem der Spannungsreduktion. Die einen pulen dazu im Ohr, die anderen hibbeln mit den Füßen, die dritten kratzen sich das Gemächt und die vierten popeln halt in der Nase.
Indes: Trotz Ankündigung bei der großen Themenkonferenz am Vortag haben die Kollegen vom Sport diese nagende Geschichte heute doch nicht gebracht. Auf dass dem Zeitungsleser morgens nicht die Kaffeetasse aus der Hand falle. Nun, wir sind da weniger despektierlich. Außerdem ist schon Mittag. Und es ist schließlich nicht das erste Mal, dass Herr Löw live vor einem Millionenpublikum den Übersprung übte:
Aber so isser halt, in Phasen “högschder Konzentration”. Unser Bundes-Jogi. In diesem Sinne: Maaaahlzeit!
Am Vorabend der Wahl des neuen Bundespräsidenten (Wulffvs.Gauck, u.a.) hat der Berlin-Korrespondent der Tagesschau den schönen Begriff “Enttäuschungsprophylaxe” verwendet. Er beschrieb damit das Bemühen der CDU, die Erwartungen an die Wahl ihres Kandidaten nicht zu hoch zu hängen – Hauptsache, er werde gewählt, egal, in welchem der drei Wahlgänge.
Ich finde, “Enttäuschungsprophylaxe” ist mal wieder eines dieser wunderbaren Wörter der deutschen Sprache, die es schaffen, einen ganzen Satz in nur einem Begriff zu verdeutlichen (wenn auch mit gefühlten 120 Buchstaben). Und es klingt auch noch gut! Sagen Sie daher nun bitte drei Mal hintereinander leise “Enttäuschungsprophylaxe” vor sich hin, verdeutlichen Sie sich Wert und Bedeutung des Begriffs und beginnen Sie hernach gelöst Ihren Arbeitstag. Nichts wird Sie heute schrecken können.
Für tiefer greifende Informationen empfehlen wir die Lektüre der einschlägigen Fachliteratur, insbesondere die für 2010 erwartete Publikation des Titels “Enttäuschungsprophylaxe als Aufgabe der Psychoanalytischen Pädagogik in der Spätmoderne“, Bittner/Dörr/Fröhlich/Göppel (Hrsg.): Allgemeine Pädagogik und Psychoanalytische Pädagogik im Dialog. Bad Heilbrunn, Julius Klinkhardt Verlag.
Ein kleiner Exkurs in den Bereich Marketing/Vermarktung (“Platzieren Sie Ihre Anzeige doch in einem geeigneten Umfeld!”): Bei diesem Bild wandert das Hauptaugenmerk des Betrachters vom Blickfang des Deutschen Bauernkalenders 2011 unwillkürlich hinab zu den Anzeigen. Ein schönes Beispiel dafür, wie unser Mutterschiff geschickt Inhalte und Werbung zu verknüpfen mag (Dank an @freagle für Hinweis & Inspiration).
Ein Hinweis in eigener Sache: Die Original-Bilderstrecke findet sich hier. Bitte vergessen Sie nicht, mindestens einmal jedes der Werbebanner unserer Kunden anzuklicken. Besten Dank. Ihre Redaktion.
Eine Warnung an alle Verleger, Geschäftsführer und Kollegen, die vom iPad das Allheilmittel zum Erhalt unseres bisherigen Berufsbildes erwarten: Das iPad ist NICHT die Rettung des Print-Journalismus. Ganz im Gegenteil. Es ist sein Untergang.
Der Beweis liegt klar auf den Knien: Mit der Eroberung der Toilette hat das elektronische Tablett den einen geheimen Zufluchtsort, an dem ein Zeitungsleser alter Schule noch ungestört und ausdauernd seinem antiquierten Tun nachgehen konnte, im Handstreich erobert. Die letzte Bastion ist damit gefallen.
Ich kann das bezeugen, ich war dabei. Der Konkurrent hinterlässt weder verräterische Druckerschwärze an Händen und Oberschenkeln, noch verursacht er ein für die anderen Mitbewohner verdächtiges Rascheln hinter der WC-Tür. Außerdem reicht sein Akku locker für jede noch so lang geartete Sitzung aus.
Es bleibt den Verlagen daher nur die eine, von vielen bereits angedachte Chance: Schnellstens eine Anwendung (“App“) zu entwickeln, die die Zeitungsinhalte intelligent und lesefreundlich auf das iPad bringt. Damit nicht alles verloren ist.
Damit ließe sich auch der einzige Nachteil verschmerzen, den das Gerät offenbart. Denn obwohl er nie in die Realität umgesetzt werden musste, war der Gedanke doch immer tröstlich, mit der Zeitung ein Stück Papier in den Händen zu halten. Nur für den Fall, dass die Klorolle überraschend zur Neige ginge. Hierfür jedoch ist das Pad definitiv nicht geeignet.
Diego Maradona und die Medien. Eine Pressekonferenz mit dem argentinischen Nationltrainer ist immer unterhaltsam. Zum Beispiel war das so nach der Achtelfinalpartie gegen Mexiko, die die Argentinier mit 3:1 gewonnen hatten.
Der Fußball-Weltverband Fifa schreibt vor, dass diese Fragestunde rund 15 Minuten nach dem Schlusspfiff beginnen soll.
Diego „die Hand Gottes“ Maradona ließ die Medienvertreter eine geschlagene Stunde warten, bis er sich dann doch die Ehre gab.
Die meisten seiner Antworten sind schlicht Floskeln. Einige Antworten sind patzig, weil der ehemalige Superstar hinter jeder Frage eine Verschwörung wittert.
Einige Antworten sind keine Antworten. Auf die Frage eines argentinischen Journalisten, was er denn zum Aufeinandertreffen mit der deutschen Nationalmannschaft sagen könne, meinte er: „Ich freue mich erst einmal über unseren heutigen Sieg, morgen denke ich dann über das Deutschland-Spiel nach. Aber wissen Sie was, schreiben Sie doch einfach, was Sie wollen. Schreiben Sie, was ich vermutlich über das Spiel denke. Das machen Sie doch sowieso.“
Als der Fifa-Offizielle die Pressekonferenz beenden wollte, fragte Maradona: „Was, das soll es schon gewesen sein?“ Und dann blieb er einfach sitzen und beantwortete weiter Fragen.
Diego Maradona: Er ist immer noch so unberechenbar wie früher als Spieler auf dem Platz, als ihm grandiose Dinge gelungen sind.