24. Januar 2012
Es tut nicht weh, in einer Kirche zu essen. Es ist lediglich ungewohnt. Büromenschen wie der Finanzmakler, die Verlagssekretärin oder der Vertriebsassistent sitzen in der Regel nicht mit Obdachlosen oder Hartz-IV-Empfängern zu Tische. Nichtsdestrotrotz sind in den vergangenen Jahren viele von ihnen in die Ulmer Vesperkirche gegangen, um dort zu Mittag zu essen und vielleicht sogar, um Solidarität zu zeigen.
In diesem Jahr allerdings bleiben die Büromenschen aus. Weil es sich in unserer Gesellschaft, in der die Kluft zwischen Reich und Arm stetig wächst, nicht mehr ziemt, als Begüterter neben Bedürftigen zu sitzen? Sicher, die Menschen, die in der Pauluskirche für 1,50 Euro eine warme Mahlheit bekommen, tragen alte Klamotten, haben vielleicht schlechte Zähne oder riechen nicht gut. Doch sie leben in dieser Stadt mit uns. In der Vesperkirche sitzen sie sogar neben uns. Die Konfrontation mit ihnen erdet. Sie führt dem Normalbürger sein Glück vor Augen, auf der sonnigeren Seite des Lebens stehen zu können. Allein schon deswegen lohnt sich der Besuch.
Was außerdem dafür spricht, ist der schwäbische Pragmatismus: Der normale Gast zahlt hier 4,50 Euro pro Essen, inklusive Suppe, Hauptgang, Nachtisch, Getränk und Kaffee. Plus Nachschlag, wer möchte. Günstiger bekommt man derzeit nirgends in der Stadt ein Mittagsmenü. Eine warme, reichhaltige Mahlzeit zu einem fairen Preis für einen guten Zweck: Das ist eine Konstellation, bei der jeder der Beteiligten profitiert. Oder, wie es der Finanzmakler ausdrücken würde: eine win-win-Situation für alle. Das schmerzt nicht, das beglückt. Und dazu muss man noch nicht einmal religiös sein.

Die Vesperkirche bittet zu Tisch (Fotos: Volkmar Könneke)
22. Januar 2012
Die heutige Pressemitteilung der Neu-Ulmer Polizei würde, seriös redigiert und für die Zeitungsausgabe gekürzt, sehr vieles von ihrer groben Komik verlieren. Außerdem möchte sicher niemand solche Geschichten aus der Unterwelt beim Frühstück lesen. Daher nur hier und dafür ungekürzt im Original:
Am Samstag Nachmittag erschien ein 63jähriger Neu-Ulmer auf der Wache der Polizeiinspektion Neu-Ulm und wollte den Diebstahl von mehreren hundert Euro anzeigen. Bis dahin schien es sich aus polizeilicher Sicht um nichts Ungewöhnliches zu handeln. Als der bestohlene 63jährige jedoch den Vorgang genauer dem Polizeibeamten schilderte, stellte sich die Sache als nicht ganz so polizeialltäglich dar.
Der Neu-Ulmer lernte in der Bahnhofsmission in Ulm eine ca. 55jährige Dame kennen und verabredete sich zusammen für den Freitag in der Wohnung des 63jährigen. Als die derzeit noch unbekannte Dame dann beim 63jährigen am Vormittag in der Wohnung erschien, ließ er diese in seine Wohnung. In der Wohnung hatte der 63jährige seine Hose abgelegt. Darin befand sich seine Geldbörse mit mehreren hundert Euro. Während sich die Dame in der Wohnung des 63jährigen aufhielt, ging dieser für wenige Minuten auf die Toilette.
Als der 63jährige dann von der Toilette zurück kam, vollzogen er und die Dame den einvernehmlichen Geschlechtsverkehr. Innerhalb weniger Minuten täuschte die Dame dann vermutlich mehrfach den Höhepunkt vor, um so den Geschlechtsverkehr zu beschleunigen und zu beenden. Als der Geschlechtsakt dann schließlich beendet wurde, verließ die Dame schon fast fluchtartig die Wohnung des 63jährigen. Dieser bemerkte dann, dass aus seiner Geldbörse mehrere hundert Euro fehlten. Die Dame wird daher nun verdächtigt, dass Bargeld aus der Geldbörse des 63jährigen entwendet zu haben, während dieser zu Beginn des Damenbesuchs auf der Toilette war.
Von der Dame ist bisher nur bekannt, da diese ca. 55 Jahre alt ist, eine kräftige Figur hat, ca. 160 cm groß ist, einen krummen Rücken “Buckel” hat, eine Blindenbinde trägt und mit einem Rollator fahren muss.
Personen, die Hinweise auf die Person geben können, werden gebeten sich bei der Polizeiinspektion Neu-Ulm zu melden.
Nachtrag: Die leise Ahnung vom Morgen, dass am Fahndungsaufruf für die kleine, fette, bucklige, blinde Alte mit mutmaßlich Klumpfüßen etwas faul ist, hat nicht getrogen. Die Polizeiinspektion Neu-Ulm, von Christoph Mayer vom Mutterschiff dazu befragt, hätte ihre Pressemitteilung am liebsten zurückgezogen. Für den Kollegen war es jedoch ein Höhepunkt der Polizeiberichterstattung.
19. Januar 2012

Dieser Hund hat ein Problem: Er glaubt, er sei der Osterhase (Foto: dpa)
Wieder was gelernt heute: Erziehung kann ohne jegliche Form von Gewalt ablaufen! Insbesondere ohne: Nackenschütteln, Rückenwurf, Stachel, Würgehalsband oder Kastration. Richtig – es geht um Hunde, genauer: Problemhunde. Der Mann, der sich ihrer annimmt, kommt aus Blaustein, ist laut seiner Homepage “Hundetherapeut nach S.D.T.S.” (die Abkürzung steht für “speechless dogtraining-system“, habe ich eben im Forum von “Wuff Online” gelesen) und hat als Kind schon sein karges Abendessen mit der Töle seiner Großmutter geteilt. Unter dem Esszimmertisch.
Heute arbeitet er, frei nach Nicholas Evans, als Hundeflüsterer und therapiert verhaltensauffällige Vierbeiner, die bellen. Getreu dem Firmenslogan “Wenn Sitz und Platz nicht die einzigen Problemchen sind!!!” hilft er unter anderem bei:
- Aggression und Angstaggression,
- Stereotypen und Zwangshandlungen,
- Problemen bei oder mit Menschen und
- Problemen beim Autofahren.
Und, um der naheliegenden Frage des Lesers zuvorzukommen: Nein, der Mann behandelt keine Vorgesetzten. Auch keine Ehepartner. Nur Hunde.
15. Januar 2012

Das war die Marsmond-Sonde "Phobos Grunt". Foto: Wikipedia
Was tun, wenn man wissen will, wann und wo die verhinderte Marsmond-Sonde „Phobos Grunt“ runtergeht? Wenn man es vielleicht virtuell miterleben will? Mehreres ist möglich, falls man es nicht vorzieht, das zu tun, was man sowieso tun wollte, und Sonde Sonde sein zu lassen.
1. Entweder Rechner, Tablet oder Smartphone in Reichweite halten und alle Stunde mal GoogleSatTrack und HeavensAbove aufrufen. Wenn die Höhe unter 120 Kilometern beträgt, ist vielleicht viertelstündliches Aufrufen angezeigt.
2. In Twitter @Fraunhofer_FHR folgen. Die haben in einem jüngeren Tweet zum Beispiel auf eine Karte verlinkt, die die nächsten Bahnen zeigt.
3. Auf einen Live-Blog weist @Fraunhofer_FHR hin, aber sehr hilfreich finde ich den nicht; die beste Info dort ist der Link auf die genannte Karte.
Die Europäischen Raumfahrtagentur (Esa) schreibt in einem Update zu einer Pressemitteilung, sie erwarte den Absturz am späten Nachmittag/frühen Abend des 15. Januar, also heute, mit einer Unsicherheit von +/- 4 Stunden.
Hilfreich könnte sein, was Prof. Heiner Klinkrad, der Leiter der Abteilung Weltraumrückstände in der Esa in Darmstadt, mir am Freitag sagte, als ich einen Artikel für die Südwest Presse vorbereitet habe. Nämlich dass „man ausschließen kann, was nicht im Zeitfenster liegt“. Wenn man die restliche Zeit der „Phobos Grunt“ im Orbit auf drei Umläufe reduziere, „kann man sehen, wo keine Umläufe mehr sind“. Das lässt sich am einfachsten auf dem GoogleSatTrack sehen, wo die Bahnen der nächsten drei Umläufe rot eingeblendet sind.
Im Moment zeigt der SatTrack eine Höhe von 142 Kilometern. Vor einer halben Stunde flog die Sonde in 129 Kilometer Höhe, so tief hatte ich sie vorher noch nicht gesehen. Auf 120 Kilometern Höhe fängt der Absturz an. Weitere 20 Kilometer tiefer (und ein paar tausend Kilometer weiter), dann fängt die Atmosphäre an, die „Phobos Grunt“ zu zerreißen. Weitere 20 Kilometer tiefer (und …), dann verbrennt, was brennen kann, einschließlich der 11 Tonnen Treibstoff an Bord.
Von den netto 2,5 Tonnen Nettogewicht dürften weniger als 200 Kilogramm zur Erde fallen, zitiert die Esa Klinkrad. Die verteilen sich, wie er mir am Freitag sagte, auf „eine Trümmerschleppe, die 2000 Kilometer lang sein kann“. Anstatt Staub vom Marsmond Phobos zu holen liefert „Phobos Grunt“ ihren eigenen Staub auf der Erde ab.
Gekürzte Fassung des Original-Blogs
Update 18.44.
CalSky.com meldet:
Orbit: 109.8 x 119.9 km
Wenn man den Beginn des Absturzes bei einer Höhe von 120 Kilometern ansetzt hat der Absturz also begonnen. CalSky.com gibt die Prognose “Absturz 20.54 Uhr UTC +/- 42 Minuten ab, also 21.54 Uhr MEZ +/-42 Minuten.
Update 19.10: Wenn “Phobos Grunt” das Tempo beibehält und nicht vorher abstürzt, ist sie gegen 20:55 und 22:25 über der Südhälfte Deutschlands. Heaven above zeigt nur die Bahn, die Daten für Höhe etc. sind von heute morgen, nicht mehr aktualisiert. Das kann man jetzt vergessen.
Update 19:41: www.astronomie.info/ empfiehlt, zwischen 20.40 und 20.55 zum Himmel zu schauen.
Update 20:04: Roskosmos meldet den Absturz: “Phobos Grunt” sei westlich von Neuseeland in den Pazifik gestürzt. Auch GoogleSatTrack meldet, die Sonde sei nicht mehr zu finden, also abgestürzt.
12. Januar 2012
Aus unserer Reihe “Lebenshilfe” – heute: die Kfz-Ummeldung
Dieser Tage hatte ich das Vergnügen, eine junge Kollegin, die mich um meine Hilfe gebeten hatte, zum Landratsamt des Alb-Donau-Kreises in die Schillerstraße zu begleiten. Anlässlich ihres Umzugs nach Ulm war es der anonym bleiben wollenden Kollegin (nennen wir sie einfach Mandy) ein Herzensanliegen, ihrem Kleinwagen ein hiesiges Nummernschild zu verpassen. Eine Nummer, die laut Mandy nicht länger als zehn, zwanzig Minuten dauern sollte.
Der mir zugedachte Part dabei war zum einen die moralische Unterstützung (Mandy: “Ich hab’ doch so etwas noch nie gemacht!”). Zum anderen die Schonung der Mandy’schen Fingernägel, als es um das Herauslösen der alten Kennzeichen ging. Ein Vorgang, der nicht nur im strömenden Regen, bei lausiger Kälte, heftigem Wind und inmitten einer Pfütze stattfand, die Mandy zu ihrem Parkplatz erkoren hatte. Auch wehrten sich die mit ihren Halterungen verwachsenen Nummernschilder vehement dagegen, entfernt zu werden. Abgesehen davon, dass ich keinen blassen Schimmer hatte, wie man die Teile üblicherweise richtig ablöst. Erst ungeeignetes Werkzeug und der Totalverlust von zwei Plastiklaschen, mit denen die Schilder fixiert waren, brachten die störrischen Kennzeichen zum Einlenkenbiegen.
Gut 20 Minuten nach der Ankunft also, durchnässt, aber mit den erlegten Blechtafeln in der Hand, betraten wir die Zulassungsbehörde. Aktuell angezeigt ward Nummer 133. Mandy, das patente Mädel, hatte unsere Mittagspause als genau jene Zeit des Tages bestimmt, in der am wenigsten Andrang herrschen sollte. Dies indes erwies sich als Fehlkalkulation. Wir zogen die Nummer 149 und fanden noch ein Plätzchen im rappelvollen Wartebereich.
134, 135. Zeit genug, um die Plakate an den Wänden zu lesen. “Keine EC-Kartenzahlung möglich” warnt die Lebenshilfe Donau-Iller. Sie hat im Saal einen Schalter, an dem sie neue Kfz-Schilder verkauft. Beim Schildermacher draußen gäbe es die frischbedruckten Tafeln sechs Euro günstiger, hatten wir zuvor mitgehört. 136.
Ich: Sach mal, hast du eigentlich genügend Bargeld dabei?
Mandy: “Nee, ich zahl’ mit Karte.”
137. Warten.
Ich: Und die Unterlagen, die hast du alle dabei?
Mandy: ” Ja, hab’ alles kopiert. Bis auf den Fahrzeugbrief. Den hat mein Autohändler. Ist doch ‘n Leasing-Fahrzeug.”
Ich: Bin mir nicht sicher, aber ich glaube, Du brauchst den Brief trotzdem.
Mandy: “Das kläre ich direkt am Schalter. Ich geh’ jetzt eine rauchen.”
138. Warten.
Ich: Du weißt aber schon, dass du die Originale mitbringen sollst? Alle?
Mandy, leicht genervt: “Jaaaha. Die liegen im Büro. Kopien reichen, glaub mir.”
139, 140, 141, 142. Warten.
Ich: Aber nicht, dass wir hier ‘ne halbe Stunde rumsitzen, nur um prompt wieder nach Hause geschickt zu werden. Weil die Unterlagen nicht vollzählig sind.
Mandy, ziemlich genervt: “Jetzt hör halt auf. Wir gehen zu Schalter zehn, die Frau sieht nett aus, mit der kann ich reden.”
143. Mandy beim Rauchen.
144. Warten.
145. 146. 147. Warten. Mandy: deutlich genervt. Ich: mal lieber ruhig.
148. Warten.
30 Minuten waren längst vorbei, als endlich auf der Anzeigentafel aufleuchtete: 149 – zu Schalter sechs. An dem standen wir exakt 45 Sekunden lang, dann war die Nummer beendet. In dieser Zeit ließ sich Mandy belehren, dass hier und heute ohne Kfz-Brief keine Ummeldung möglich sei, weil der beim Leasing-Händler hinterlegte Brief zuvor an die Zulassungsstelle geschickt werden müsse. Ich tat derweil so, als ob ich nicht dazugehörte und durchblätterte eines der ausliegenden Faltblätter. Darin stand:
Erforderliche Unterlagen bei Ummeldung eines Kfz ohne Halterwechsel – alle Dokumente müssen gültig sein und sind im Original vorzuweisen:
- Personalausweis/Reisepass
- (TÜV-)Prüfbericht der letzten Hauptuntersuchung
- Einzugsermächtigung für die Kfz-Steuer
- Fahrzeugschein (Zulassungsbescheinigung Teil I)
- Fahrzeugbrief (Zulassungsbescheinigung Teil II)
- bisherige Kennzeichen
- Versicherungsbestätigung der Kfz-Versicherung
- ggf. Reservierungsbestätigung für ein Wunschkennzeichen
Zumindest letztere hätte Mandy dabeigehabt. Sogar im Original…
(Liebe Mandy, wenn Du das hier liest – in dem Faltblatt stand noch etwas, nämlich: “Reservieren Sie über das Internet oder das Telefon einen Termin. Wir bearbeiten Ihre Kfz-Zulassung dann auch während der regulären Öffnungszeiten ohne Wartezeit.” Klicke einfach hier: Terminvereinbarung für Privatkunden. – Bist Du mir jetzt böse?!)