6. Juni 2014

Achtung, Bahn, der Sommer ist da

Category: Allgemein — Tags: , , – Egbert Manns @ 13:31

2. Juni vormittags an der Bahnstrecke Memmingen–Ulm: Die Anzeigetafel am Bellenberger Bahnhof zeigt an, dass der Zug 5 Minuten Verspätung hat. Der Zug kommt mit 10 Minuten Verspätung. Ankunft in Ulm mit 14 Minuten Verspätung. Aus der Entschuldigung des Zug- oder Lokführers: „. . . wegen Motorüberhitzung“.

Achtung, liebe Bahn! Völlig überraschend ist wieder der Sommer da. Motoren werden heiß, Klimaanlagen belastet. Bitte ordentliches Gerät einsetzen! Bitte Ersatzgeräte einsatzbereit halten!

Falls Sie nicht wissen, was ich meine, liebe Bahn, ist hier ein Hinweis aus Wikipedia: “So neigt das Kühlwasser an heißen Tagen zur Überhitzung, wenn die Kühler nicht gründlich gereinigt wurden.” Und hier steht, dass Sie das Problem mit den Klimaanlagen in den Griff kriegen wollten. Auf dass Sie reinen Herzens sloganen können: Alle reden vom Sommer, wir nicht!

Update 11. Juni: Mein Kollege Oliver Heider hat sich des Themas in der Südwest Presse angenommen. Hier.

Update 9. Juli: Bin am Sonntagabend nach getaner Arbeit mit dem Zug heimgefahren. Jetzt weiß ich, wie die Motorkühlung funktioniert: über die Heizung. Gefühlte 30 Grad (jedenfalls nicht viel weniger) Außentemperatur und im Zug die Heizung so heiß, dass ich sie nicht anfassen konnte. Anlehnen konnte ich mich an der Wand darüber nicht, die war so heiß, dass es weh tat. Alle Klappfensterchen des Waggons auf, Durchzug, kühler Wind am Kopf, Hitze von unten, Kopfschmerzen am nächsten Tag.

7. Dezember 2013

Der Genitiv, ein Fall des Klassenbewusstseins

“Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.” – Gibt es einen Spruch, der besser verkörpert, dass der Genitiv auf Herrschaftsverhältnisse hinweist (neben anderen Aufgaben). Man nennt ihn deshalb auch den possessiven Genitiv. Solch ein Genitiv (auch “Wesfall”, vermutlich von “Wes Brot . . .”) zeigt, wessen etwas ist. Da sind die Liegenschaften und Immobilien des ehemaligen Adels, die leitenden Posten der Industriellenkinder, die Schulden der Gemeinde (negativer Besitz).

Der Genitiv ist also ein ehrlicher Fall. Leider wird er immer wieder durch den Dativ ersetzt (oft mit dem Kleisterwort “bei” verbunden), wenn er doch Klassenzugehörigkeit anzeigen könnte. So etwas verschleiert Herrschaftsverhältnisse.  “Staatssekretär des Ministers” zu sagen zeigt doch Nähe und Abhängigkeit viel stärker als “Staatssekretär beim Minister”. Und wenn man sagt: “Ich habe das Auto meines Bruders”, kommt glasklar die eigene Armut gegenüber dem Besitz des Bruders zum Vorschein. Wer aber sagt:  “Ich habe das Auto von meinem Bruder”, schert sich nicht um dieses Besitzungleichgewicht. Er oder sie täuscht im Gegenteil vor, der besitzende Bruder sei mildtätig und gebe  sogar sein Auto weg.

Natürlich hat diese Form des Genitivs auch einen Nachteil: Sie wird für viele männliche und sächliche Wörter mit einem angehängten “s” gebildet. Das muss man präzise bilden und präzise sprechen. Dummerweise brechen sich manche dabei einen ab und sie brechen sich auch einen ab, weil sie überlegen müssen. Nämlich, ob sie gerade die Wahl haben zum Beispiel zu schreiben “des Mannes” oder “des Manns” oder “des Mannses” oder “des Manns’” oder “des Manns” ;-) . (Haben sie).

Anstatt ihre Unlust am Denken zuzugeben, schieben sie die Schuld auf den Genitiv. Der sei “zu sperrig” (Googeln Sie mal Genitiv und „zu sperrig“!). Also lassen sie den Genitiv schwinden – und unterschlagen auf diese Weise Sprache, die kritische Gedanken befördern könnte, die die wahren Verhältnisse der Gesellschaft in den allgemeinen Sprachgebrauch integrierte.  Diese Herrschaften - und an dieser Stelle modifiziere ich einen Gedanken Soeren Kierkegaards – scheinen die Sprache empfangen zu haben, um die Gedanken zu verbergen. Und um zu verbergen, dass sie keine Gedanken haben.

21. Oktober 2013

Leserbriefe – oder: „Ihr Feiglinge“

Category: Allgemein — Egbert Manns @ 16:06

„Ihr seid ausgesprochene Feiglinge, um nicht zu sagen Schisshasen“, schrieb ein Leser im Sommer 2013 an die Lokalredaktion der Südwest Presse in Ulm. Der Grund des Unmuts: Wir hatten seinen Leserbrief nicht veröffentlicht. Genauer: Wir hatten ihn veröffentlicht, aber er hatte ihn nicht gesehen.

Der Herr hat von mir ziemlich kommentarlos einen Ausdruck der betreffenden Seite geschickt bekommen. Das ist gut zwei Wochen her, bis jetzt hat er sich nicht entschuldigt. Wozu auch; Begriffe wie „Feiglinge” benutzen Kommentatoren durchaus auch („Schisshasen” natürlich nicht gerade …), dafür muss man sich ja nicht entschuldigen. Bloß dass der Herr und ich per „Du“ sind, war mir neu.

Oft gedruckt, viel missachtet: Zum Leserbrief gehören Name, Anschrift und Telefonnummer (die, unter der man erreichbar ist!). Screenshot

Na gut. Erfreulicherweise kommen solche Briefe nicht jeden Tag an. Was natürlich zur einen Hälfte daran liegt, dass wir eben knapp die Hälfte aller Leserbriefe in der Tageszeitung veröffentlichen können. Zur anderen Hälfte liegt es daran, dass man sich ja denken kann, weshalb ein Leserbrief nicht veröffentlicht wird: Es war halt kein Platz da. Die Abdruckquote in der Südwest Presse in Ulm beträgt rund 50 Prozent, eher etwas weniger.

Manchmal wollen wir einen Brief natürlich gar nicht in der Zeitung veröffentlichen. Man glaubt es kaum, aber es gibt Leute, die rotzen einfach was aufs Papier oder in die Email – unvollständige Sätze, ein Tippfehler nach dem anderen, Fäkalsprache, Beleidigungen und Gemeinheiten, Stichwörter. Hallo! Dafür ist das Papier dann zu schade, das Abo zu teuer und manches geht aus rechtlicher Sicht gar nicht.

Vor 14 Jahren, Ende 1999, habe ich mit der Produktion von Leserbriefen in der Südwest Presse angefangen. Vor fünf Jahren war damit erstmal Schluss, seit einem guten Jahr bin ich wieder im Geschäft. Eigentlich kein schlechter Job, jeder Redakteur sollte das mal ein, zwei Jahre hauptamtlich machen. Denn
– erstens lernt man Leser kennen (und manche lernt man wirklich kennen und die einen auch) und erfährt in vielen Gesprächen, was wir richtig, falsch oder gar nicht machen,
– zweitens bekommt man einen Einblick in das, was die Leser bewegt (Leserbriefe sind diesbezüglich für die gedruckte Zeitung, was die Klickzahlen für die Online-Zeitung sind, natürlich im kleinsten Maßstab),
– drittens lernt man, die eigene gelegentlich auftretende Verzweiflung in den Griff zu bekommen und trotz häufigen Mitleids die eigenen Prinzipien zu wahren.

Verzweiflung? Prinzipien? Mitleid? Ja, es ist zum Sich-die-Haare-raufen, wenn jeder vierte oder fünfte Brief einfach deshalb nicht veröffentlicht wird, weil die Absenderangabe unvollständig ist. Und weil wir die Zeit nicht haben, das zu recherchieren. Jede Woche steht ein- oder zweimal in der Zeitung, dass wir Namen, Anschrift und Telefonnummer brauchen. Man glaubt nicht, wie häufig die Telefonnummer fehlt. Und dann kommt irgendwann der Anruf von der Art: „Ist was mit meinem Brief, dass Sie ihn nicht veröffentlichen?” – Die Anspruchshaltung, dass ein Leserbrief veröffentlicht werden muss, ist durchaus verbreitet. Der Platz dafür leider nicht.

Wozu wir die Angaben benutzen, welche Leserbriefe veröffentlicht werden und welche nicht, weshalb es manchmal zu lange dauert, bis ein Brief veröffentlicht wird, und weshalb die Redaktion sich stets das Recht vorbehält, Leserbriefe zu kürzen, dazu habe ich im September/Oktober 2013 eine sechsteilige Serie auf swp.de veröffentlicht. Zur Lektüre und Kommentierung empfohlen.

Die Leserbrief-Serie in swp.de:

Von Biber und Mülltonne
Was wir nicht drucken wollen
Guten Tag, vielen Dank
Kein Abdruck unter Druck
Lieber passt der Brief ungekürzt
Nicht anonym, sondern diskret
Update am 26. Dezember 2013:
Verglichen mit Lesern der “Nürnberger Nachrichten/nordbayern.de” sind Südwest-Presse-Leser überaus freundlich.
;-)
Update am 11. Juli 2014:
Ein Hate-Poetry-Slam: Briefe an Kollegen mit ausländischen Namen.
:-(
Update am 21. Juli 2014:
Wie die Leserbrief-Redaktion der FAZ angemacht wird.
:-(
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19. August 2013

Ein Leben lang ausgespäht

Category: Allgemein — Egbert Manns @ 17:18

Seit Wochen bin ich unsicher, ob ich mich darüber aufregen soll, dass unsere elektronische Kommunikation rundum erfasst und kontrolliert wird, oder ob ich mich über die Aufregung darüber ärgern soll. Hat etwa jemand angenommen, unsere  Emails, FB- und sonstige Postings, Suchmaschinenabfragen und Telefonate würden nicht staatlicherseits abgezapft?

Ach Du dickes Ei, wir werden abgehorcht: Antennenkuppeln der ehemaligen US-amerikanischen Abhörbasis Bad Aibling Station (BAS) der National Security Agency (NSA). 2004 ist die Anlage geschlossen worden. Foto: dpa

Die USA, lange ein Volk auf einer von allen weit entfernten, sicheren Insel, hat es zweimal böse erwischt, in Pearl Harbour (Dezember 1941) und New York (September 2001). Die Deutschen möchten auch nicht überfallen werden. Und wir Fußvolk nehmen an, unsere Regierungen konzentrierten nicht alles, was sie aufbieten können, um so etwas zu verhindern? Wie naiv kann man sein?

Wer ein Video auf Youtube anschaut, den zapft YouTube an. Und liefert beim nächsten Öffnen des Programms gleich was Ähnliches als Vorschlag. Wer von  Facebook aus ein Video, ein Foto oder einen Textbeitrag anklickt, kriegt beim nächsten Mal die passende Werbung dazu. Knapp 30 Millionen Facebook-Nutzer sind allesamt Leute, die wissen, dass man ihre Daten und Postbewegungen sammelt, abgleicht, auswertet, verkauft. Die Millionen Deutschen täglich, die YouTube-Filmchen anschauen und mit Google, Bing & Co. das Internet abgrasen, sind allesamt Leute, die wissen, dass man ihre Bewegung durchs Internet sammelt, abgleicht, auswertet, verkauft. Privatwirtschaftlich ausgespäht zu werden ist also egal und okay? Und dass die privaten Späher von staatlichen ausgespäht werden, das kommt überraschend? Wie naiv kann man sein?

Diskretion versus Ausspähen, Spion gegen Spion, das ist eigentlich nichts Neues. Zu meiner Kinderzeit haben wir uns über unsere Hefte gebeugt und den Oberarm hochgehalten, damit der Mitschüler nicht spicken konnte. Später haben diejenigen unter uns, die politisch in der Linken (KBW, UL und ähnliches) mitgearbeitet haben, nur von Telefonzellen aus telefoniert und Decknamen benutzt. Als Grundbesitzer zieht man am besten noch vor dem Häuslebau eine Hecke hoch.  Als Journalist führt man manches Telefonat weder vom Dienst- noch vom registrierten Privattelefon. Und, und, und . . . — Plötzlich wundert man sich, dass jemand uns beobachtet? Wie naiv . . .

Nett fand ich, was ich am Schluss einer E-Mail gelesen habe, in der eine Südwest-Presse-Leserin uns einen Leserbrief geschickt hat. Sie schrieb: “BND & NSA if you read this, kiss my foot if you can reach it!” Als geborener und gelernter Kölner würde ich natürlich umtexten und . . . — aber nein, das geht hier nicht. Zu viele Beobachter. Hi, BND and NSA!

9. August 2013

Türe zu, der Zug fährt ab

Ulm, Gleis 4 Nord, 11:10 Uhr. Der Zug RE 19218 Ulm–Geislingen soll um 11:10 abfahren, steht aber noch.

Ulm, Gleis 5 Süd, 11:10 Uhr, 200 Meter von Gleis 4 Nord entfernt, gleiche Plattform. Der Zug RB 57766 Memmingen–Ulm hätte um 11:02 in Ulm ankommen sollen. Er ist wie so oft zu spät und kommt um 11:10 Uhr an. Ein halbes Dutzend Leute rennt, stolpert, hastet mit und ohne Gepäck aus dem Memminger Zug zum Zug nach Geislingen.

Ulm, Gleis 4 Nord, 11:12 Uhr. Die ersten Leute, das sind die fitten jungen, kommen am Zug nach Geislingen an. Die Türen öffnen sich nicht.

Ulm, Gleis 4 Nord, 11:12 Uhr. Der Zug setzt sich in Bewegung und fährt ab.

Das ist kein Einzelfall, das passiert immer wieder: Der Zug nach Geislingen fährt vor den herangeeilten und heraneilenden Leuten ab.

Hey, das ist ein Regionalzug! Der kann auch 5 Minuten auf den verspäteten anderen Zug warten, zumal beide an der gleichen Bahnsteigkante halten. Erst recht, wenn er sowieso mit Verspätung abfährt.

Die Frage ist, ob die Stehengebliebenen Rückschlüsse auf den Zugplan ziehen sollten, der dem Zug nach Geislingen nicht gestattet, fünf Minuten zu warten. Stattdessen beschäftigen sie sich mit der psychischen Verfassung des Lokführers. Wie unfair. Und wie schade, dass sie keine Chance haben, ihm das persönlich zu sagen.