14. Juni 2013

Russlands langer Weg zum Marsmond: “Phobos Grunt”, die zweite

Die russische Marsmondsonde "Phobos Grunt" vor dem Start im November 2011. Foto: dpa

Als Russland seine Marsmond-Sonde “Phobos Grunt” zum Jahreswechsel 2011/2012 nicht aus der irdischen Umlaufbahn hat schießen können, war wieder einmal klar: Die russische Raumfahrt hat ein Modernisierungsproblem. Die alte Hardware funktioniert, aber die neuen Sachen zu oft nicht.

Experten vermuten mehrere Gründe dafür:

- Zwischen der alten sowjetischen Raumfahrtforschung und der neueren russischen klafft eine Lücke, weil jahrelang zu wenig wissenschaftliches Personal eingestellt worden ist. Es mangelt deshalb an Wissensroutine, es mangelt an Kenntnis neuer Technik.

- Neuere Raumfahrtverantwortliche setzen dennoch auf neue Technik. Aber sie können die Produkte aus Geldmangel nicht genügend testen lassen. Zum Beispiel die “Fregat”-Oberstufe, die normalerweise Satelliten ins All trägt. Die “Fregat” wurde für den Flug zum Mars modifiziert (neue Bezeichnung:  MDU), aber nie im Einsatz getestet, bevor sie die “Phobos Grunt”-Sonde aus der Erdumlaufbahn zum Mars tragen sollte. Prompt versagte sie.

- Nahezu alle aufwendigeren Projekte bleiben aus Geldmangel oder wegen technischer Schwierigkeiten immer wieder liegen. Neue Starttermine werden festgelegt, dann wird die Zeit bis dahin wieder (zu) knapp, was zum Verzicht auf Tests und Redundanz führt. Schon 2005 war der CryoSat-Satellit wegen eines Programmierfehlers abgestürzt, der in Simulationen eigentlich hätte entdeckt werden müssen.

Jetzt also auf ein Neues. Russland erwägt, noch einmal eine Sonde zum Marsmond „Phobos“ zu schicken. Das meldet der Nachrichtendienst russianspaceweb.com. Der erste Versuch war im November 2011 gestartet worden, aber die Sonde „Phobos Grunt“ stürzte im Januar 2012 ab, nachdem sie nicht aus der Erdumlaufbahn herausgekommen war. Die russischen Ingenieure hatten den Fall nicht eingeplant, dass sie die Trägerrakete in der Umlaufbahn vom Boden aus zünden müssten.

Der Marsmond "Phobos". Die Kreise zeigen die Gegenden, auf denen die russische Sonde landen könnte. Foto: ESA/DLR/ FU Berlin/dpa

Auch „Phobos Grunt 2“ soll Gesteinsproben vom Marsmond zur Erde bringen. Start sei im Jahr 2022, sagte Vladimir Popovkin, der Direktor der Raumfahrtagentur Roscosmos. Die Russische Akademie der Wissenschaft hofft laut russianspaceweb.com, dass die Techniker die Sonde dann auch in Erdnähe vom Boden aus steuern können.

„Phobos Grunt 2“ soll nicht auf der MDU, sondern auf einer normalen „Fregat“-Raketenoberstufe in Richtung Mars geschossen werden. Das ist offenbar möglich, weil sie – anders als die erste “Phobos Grunt” – keinen chinesischen Kleinsatelliten huckpack trägt.

Die russischen Wissenschaftler erwägen laut russianspaceweb.com auch, die Sonde von Risiken zu entlasten. Einige wissenschaftlichen Instrumente sollen auf die Sonden des europäisch-russischen Projekts „ExoMars“ gepackt werden, die laut Plan 2016 und 2018 zum Mars fliegen. Andere sollen auf der für 2016 oder 2017 geplanten russischen Mondmission „Luna-Glob“ erprobt und dann auf „Phobos-Grunt“ eingesetzt werden.
Allerdings haben „ExoMars“ und „Luna-Glob“ bisher das übliche Schicksal erlitten. Ihre geplanten Starttermine  sind stets verschoben worden.

11. Juni 2013

Im Spiegel

Das SPIEGEL-Verlagsgebäude in der Hamburger Hafencity (Foto: Robert Dönges)

Das SPIEGEL-Verlagsgebäude in der Hamburger Hafencity (Foto: Robert Dönges)

Zugegeben: Ich war beeindruckt. Vergangene Woche nutzte ich die Chance, das neue SPIEGEL-Medienhaus in der Hamburger Hafencity zu besuchen. Die Brutstätte des deutschen Leitmediums. Schon von außen ein Palast aus Glas, wirkt das von dem dänischen Architektenbüro Henning Larsen konzipierte Gebäude im Inneren wie eine Kathedrale. Man tritt herein, steht verloren im Innenraum, staunt nach oben und sieht sich auf allen Seiten umgeben von 13 Stockwerken. Ein Petersdom der Nachrichten. Das Flagschiff des Journalismus. Zentrale der Vierten Gewalt im Land. Wenn Kleider Leute machen, dann machen Kathedralen Macht. Wie darf man nur so viel Platz für ein Atrium verschwenden!

Der Blick aus der Cafeteria im fünften Stock (Foto: Robert Dönges)

Der Blick aus der Cafeteria im fünften Stock (Foto: Robert Dönges)

Annähernd 1100 Mitarbeiter finden hier ihre Arbeitsplätze. Die Details zur Aufteilung der 30.000 m² Geschossfläche des Verlagshauses habe ich nur noch grob im Kopf. Im Erdgeschoss: Die Studios von Spiegel TV, das piekfeine Betriebsrestaurant. Ausgezeichnete Küche, am Tisch wird man bedient. Im ersten Stock: Konferenzräume, betriebseigene Kita, Sport- und Fitness-Studio (für Mitarbeiter umsonst), Massage-Bereich (subventionierte Anwendungen). In den Geschossen darüber: Verlag, Vertrieb, Marketing. Im fünften Stockwerk befindet sich eine Cafeteria mit einer grandiosen Sicht, deren knallbuntes 70er-Jahre-Interieur beim Umzug im Herbst 2011 aus dem alten Verlagsgebäude hierher verpflanzt worden ist. Ohnehin bieten die raumhohen Fenster aus fast jeder Warte atemberaubende Ausblicke; selbst aus den Druckerräumen und Teeküchen überschaut man Hafencity oder die Speicherstadt.

Blick von oben ins Atrium, aufs vernetzte Treppenhaus (Foto: Robert Dönges)

Blick von oben ins Atrium, aufs vernetzte Treppenhaus (Foto: Robert Dönges)

In den Büros der Etagen acht bis zwölf residiert die Redaktion des SPIEGEL. Ganz oben, im 13. Stockwerk, arbeiten die Journalisten von SPIEGEL ONLINE. Gut 80 Menschen in einem Großraumbüro, in Reihen links und rechts eines zentralen Stehbalkens arrangiert, von dem aus der SPON-Auftritt dirigiert wird. In den Etagen darunter verbinden Laufstege die Geschosse, bilden Abkürzungen in die verschiedenen Ressorts und Abteilungen des Glaspalastes. Nur der 13. Stock, der ist nicht auf diese Art mit dem übrigen Haus vernetzt.

5. Juni 2013

Hingehen und anschauen

Prolog:
Selbst erfahren anstatt virtuell.
Analog anstatt digital.
Gekochte Kartoffeln anstatt Pommes aus dem Beutel.

Es ist Überschwemmungszeit. Das Wasser strömt in die Städte, die Leute strömen zum Wasser. “Schaulustige!”, heißt es wieder in vorwurfsvollem Ton. Speziell “Hochwasserschaulustige“, “Katastrophen-Touristen“, “Flutgaffer“.

Ja, sollen die Leute denn teilnahmslos bleiben, wenn in ihrer Umgebung was los ist? Sollen sie nur zu vorbereiteten Events strömen, nicht mehr an echten Ereignissen teilnehmen? Und wenn etwas passiert, von dem eine Bedrohung für einen selbst oder andere ausgehen kann, soll man sich das nicht selbst ansehen? Soll man Bilder, Videos und Texte hersurfen, obwohl man doch live anschauen kann, was los ist?

Nein, soll man nicht; es ist richtig, sich selbst ein Bild zu verschaffen, wenn man das kann. So, wie man am besten selbst ins Konzert, in die Gemeinderatssitzung, in die Wahlveranstaltung gehe, wenn man genau Bescheid wissen will. Deshalb habe ich mir natürlich am Sonntag, 2. Juni, selbst die Iller angesehen, die knapp einen Kilometer westlich von meinem Haus fließt. Ich hatte die bedrohliche Situation von 2002 noch in Erinnerung, damals war der Fluss ein paar tausend Meter flussaufwärts und -abwärts über das östliche Ufer getreten. An meinem Wohnörtchen Au  glücklicherweise nicht.

Leute, Brücke

Mal sehen, wie der Fluss aussieht: Leute auf der Iller-Brücke zwischen Illertissen und Dietenheim am 2. Juni 2013. Foto: Egbert Manns

Als ich am Sonntag auf der Brücke stand, die Illertissen und Dietenheim miteinander verbindet, hat mich die Gewalt erschreckt, die im Wasser steckt. Dieses Reißen, Brechen, Wühlen. Den Eindruck können die Filmchen nicht ersetzen, die Laien ins Netz stellen (ich hab‘s auch gemacht, siehe hier) oder die Medien zeigen. Wer das nicht aus zehn Metern Entfernung sieht, hört und riecht, kann die Lage in Passau, Dresden, Halle nicht nachvollziehen.

Auch die Hochwasserlage unmittelbar an meinem Örtchen habe ich inspiziert. Das Wasser floss quer über den Weg, der zur Iller führt. Aber kein Vergleich zu 2002, damals floss das Wasser nicht, es schoss. Das am Sonntag zu sehen war zwar nur eine Bestätigung dessen, was am Morgen in den FB-Postings der Unwetterzentrale Deutschland zu lesen war, dass nämlich für die Iller vermutlich nicht die obersten Warnstufen ausgerufen werden. Aber nach all dem Regen in den Tagen zuvor war mir der Augenschein wichtiger als der (Un)wetterbericht.

Hingehen und anschauen, wenn was los ist, das ist ein natürliches und sinnvolles Verhalten. Auf einem anderen Blatt steht Rücksichtslosigkeit – Rettungswege zuzuparken vor allem. Wenn Kindererziehung dort ansetzte, fände ich das sinnvoll. Deutlich sinnvoller jedenfalls, als Entdeckerlust und Neugier in Richtung Fernsehen und Computer zu kanalisieren. Die Menschen müssen Lust haben, sich die Welt selbst anzuschauen. Schaulust eben.

3. Mai 2013

Mobbing auf Frotzel-Niveau

Category: Journalismus und Internet — Tags: , , , – Robert Dönges @ 13:15
Der Frühling ruft - raus ins Freie, alle Fünfe gerade sein lassen! (Foto: Robert Dönges)

Der Frühling ruft - raus ins Freie, alle Fünfe gerade sein lassen! (Foto: Robert Dönges)

Eine in Büros weit verbreitete Redewendung besagt, dass keiner sieht, wenn du früh zur Arbeit kommst – aber jeder sieht, wenn du früh gehst. Funktioniert besonders gut in Redaktionen, da es hier einen kollektiv ausgeprägten Hang zur freiwilligen Selbstausbeutung und üblicherweise keine Zeiterfassung gibt (wer möchte schon vor den Schreibstuben die Stempeluhr installieren).

Dennoch kassiert man, besonders gerne von den lieben Kolleginnen’n'Kollegen der schreibenden Zunft, eine Unmenge fast schon mobbender Frotzeleien, wenn man dreisterweise einmal vor 19 Uhr das Großraumbüro der Redaktion verlässt… Die dämlichsten dieser Sprüche, erfasst in einer worst-of-Liste, lauten:

…auf Platz 10:  “Halben Tag Urlaub, oder was?”

…auf Platz 9:  “Schaffst Du neuerdings bloß noch Teilzeit?”

…auf Platz 8:  “Der Erste macht das Licht an!”

…auf Platz 7:  “…Sie haben Ihren Schreibtisch noch aufgeräumt!?”

…auf Platz 6:  “Find ich gut, dass Du mal daheim weiterschlafen willst.”

…auf Platz 5:  “Heute schon zum Kaffeetrinken nach Hause?”

…auf Platz 4:  “Endlich können wir ungestört arbeiten.”

…auf Platz 3:  “Habe ich die Zeitumstellung verpasst?”

…auf Platz 2:  “Weiß Deine Frau auch, dass Du jetzt schon gehst?”

… und auf Platz 1 der dämlichsten Kommentare, wenn man einmal etwas früher als üblich geht:  “Haben sie Dir gekündigt?” (Ehefrau nach der Ankunft daheim)

20. April 2013

Ermittlungssache

Category: In Ulm und um Ulm — Tags: , , , , , – Robert Dönges @ 18:51

Manchmal mag sich ja der Eindruck manifestieren, bei der Pressestelle der Polizei in Neu-Ulm säße inkognito ein Schreiber für dieses Blog. Liebe Leserin, lieber Leser – dem ist mitnichten so. Der oder die Autor oder Autorin der bayerischen Ordnungshüter formuliert lediglich so treffsicher die Arbeitsnachweise seiner oder ihrer Kollegen, dass man einfach nicht umhin kommt, diese Œuvres in ihrer vollständigen Pracht zu dokumentieren (dazu s. a. “Beischlafdiebstahl” vom 22. 1. 2012 oder “Platzverweis” vom 9. 8. 2010). So auch im Pressebericht heute, dessen Teilmeldung “Spirituosen sichergestellt” vor Ausdruckstärke, Bildersprache, ja: reiner Poesie nur so strotzt (die schöpferisch respektive inhaltlich wertvollsten Stellen wurden gefettet):

“Am 19.04.2013 wurde um 23.30 Uhr durch eine Streife der Polizeiinspektion Neu-Ulm eine Personengruppe von fünf jugendlich wirkenden Personen auf einem Schulhof in der Neu-Ulmer Innenstadt festgestellt. Mehrere Plastikbecher mit Spirituosen – Saft – Gemisch konnten hierbei aufgefunden werden. Ein bereits Volljähriger führte drei Flaschen mit hochprozentiger Alkoholika mit sich. Bei der Gruppe befanden sich auch zwei 17-jährige sowie eine 16-jährige Person. In wie weit diesen hochprozentiger Alkohol durch den Eigentümer der Spirituosen abgegeben wurde, muss noch ermittelt werden. Durch die Streife wurde zur Gefahrenabwehr für die Minderjährigen zwei Flaschen Wodka sowie eine Flasche Rum sichergestellt und verwahrt.
Weitere Ermittlungen folgen.”